May 13

Eine Kombination von zwei Antidepressiva resultiert in keiner Beschleunigung der Genesung.

Dies ist das Ergebnis der CO-MED-Studie, fĂŒr die Wissenschafter an 15 medizinischen Zentren in den USA insgesamt 665 Patienten zwischen 18 und 75 Jahren untersucht haben.
„Ärzte sollten Patienten mit Major Depression nicht vorschnell Kombinationen aus antidepressiven Medikamenten als Erstlinientherapie verschreiben“, so Dr. Madhukar H. Trivedi, Psychiatrieprofessor am UT Southwestern Medical Center. „Die medizinischen Implikationen sind eindeutig – die zusĂ€tzlichen Kosten und die Belastung durch zwei Medikamente sind es bei einem ersten Behandlungsschritt nicht wert.“

Die Wissenschafter bildeten drei Behandlungsgruppen: Escitalopram plus Placebo, Escitalopram plus Buprobion und Venlafaxin plus Mirtazapin. Die Studie lief von MĂ€rz 2008 bis Februar 2009.
Nach zwölf Behandlungswochen waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen gleich – bei circa 39 Prozent kam es zur Remission und bei circa 52 Prozent zu einer Response.

Nach sieben Behandlungsmonaten waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen immer noch gleich, allerdings zeigten sich in der dritten Gruppe (Venlafaxin plus Mirtazapin) mehr Nebenwirkungen.

(Quellen: Medical Net News, May 2011, MedAustria, neuro-online)

Oct 03

In seinem aktuellen Buch “The Emperor’s New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth” widmet sich der englische Psychologe, Hypnotherapeut und Verhaltenstherapeut Irving Kirsch den Mythen bezĂŒglich der angeblichen Effizienz der Antidepressiva sowie der wissenschaftlichen Theoriebildung um das Krankheitsbild der Depression. Auch ich selbst habe mich vor 4 Jahren in einem Artikel diesem Thema gewidmet (auf meiner Website verfĂŒgbar: Link) – wenn auch weitaus weniger umfangreich, aus anderen Perspektiven und mit anderen BegrĂŒndungen. Ähnlich jedoch waren die Schlußfolgerungen – Antidepressiva wĂŒrden in ihrer Wirkung ĂŒberschĂ€tzt, sollten nur bei schweren Depressionen temporĂ€r und gezielt zur Symptomentlastung eingesetzt werden, das Fundament der Behandlung sollte jedoch Psychotherapie darstellen.

Kirsch illustriert in seinem Buch, dass Antidepressiva nicht wirksamer seien als Placebos, Scheinmedikamente ohne Wirkstoff (was aber nicht bedeutet, dass sie wirkungslos sind – ausdrĂŒcklich warnt er Betroffene davor, die Antidepressiva abrupt und ohne Absprache mit einem Arzt abzusetzen.) Seine Auswertungen von einer Vielzahl von z.T. bisher unveröffentlichten Studien rund um die Wirkung von Antidepressiva (siehe Blog-Eintrag “Antidepressiva vertrĂ€glicher, aber kaum besser wirksam“) ergab, “dass 82 Prozent der medikamentösen Wirkung auch durch wirkungslose Placebos erreicht werden kann.” Statt Psychopharmaka empfiehlt er Psychotherapien. Zwar seien auch diese kurzfristig kaum effektiver als Placebos, langfristig aber wirksamer, weil die Therapierten seltener RĂŒckfĂ€lle erlitten.

In einem Artikel auf Telepolis gibt der Journalist Matthias Becker lesenswerte Einblicke sowohl in das erwĂ€hnte Buch Irvings’ als auch in die HintergrĂŒnde der MarketingtĂ€tigkeiten der Pharmakonzerne, welche auf verschiedensten Wegen versuchen, die öffentliche Meinung ĂŒber psychische Krankheiten, deren Ursachen und die empfehlenswerteste (das ist dann i.d.R. eine Psychopharmaka-basierte) “state of the art”-Behandlung etwa ĂŒber die Finanzierung von “Informations”-Websites, die Manipulation oder UnterdrĂŒckung spezifischer Studienergebnisse etc. zu beeinflussen.

Sep 24

Die geringe Heilkraft und der hohe Anteil an Placebowirkung von Antidepressiva geriet wĂ€hrend der letzten Monate – wohl auch angesichts der exorbitanten Anteile von Ausgaben fĂŒr Psychopharmaka in den Gesundheitsbudgets der krisengeschĂŒttelten westlichen Industrienationen – verstĂ€rkt in den Focus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Das Deutsche Institut fĂŒr QualitĂ€t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beurteilte nun in einer groß angelegten Meta-Studie die Heilungskraft von SNRI’s, der neuesten Generation von Antidepressiva, neu, wonach man zum Ergebnis kam, daß diese keinen wesentlichen Vorteil gegenĂŒber den SSRI’s mit sich bringen. Man sieht Hinweise, aber keine Belege dafĂŒr, dass z.B. Duloxetin und Venlafaxin bei Patienten mit höherem Schweregrad der Depression gegenĂŒber den SSRI’s besser wirken. Bewiesen sieht man den Zusatznutzen im Vergleich zu der Wirkstoffklasse der SSRI nur auf Ebene der Änderung der depressiven Symptomatik in der Kurzzeit-Akuttherapie, dafĂŒr kommt es gegenĂŒber den SSRI’s zu mehr TherapieabbrĂŒchen.

“Mehr noch, die SNRI’s schneiden nicht mal gegenĂŒber den VorlĂ€ufern der SSRIs, den trizyklischen Antidepressiva, besonders gut ab. Sie sind zwar besser vertrĂ€glich als diese, besser wirken im Sinne der Linderung oder gar Heilung einer Depression tun sie nicht. (..) In entscheidender Hinsicht befindet sich die medikamentöse Behandlung der Depression noch im Stadium den frĂŒhen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – da nĂ€mlich wurden die Trizyklika entwickelt.” (Quelle und Volltext: telepolis)

Jul 30

Bei meiner regelmĂ€ĂŸigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum MagersĂŒchtige an ihrem gestörten Essverhalten festhalten:
Geringe VerhaltensflexibilitÀt ist durch VerÀnderungen im Gehirn bedingt

Als hĂ€tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem persönlichen Leben nichts verĂ€ndern mĂŒĂŸten ;-). Im Anschluß wird erklĂ€rt, daß Wissenschaftler am UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals VorgĂ€nge in den Gehirnzellen entdeckt” hĂ€tten, “welche das gestörte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erklĂ€ren”.

Wow. Ich muß allerdings gestehen, daß mich nach jahrelanger TĂ€tigkeit als Psychotherapeut – trotz großen Interesses und laufender BeschĂ€ftigung mit aktueller Forschung – derartig reißerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker reißen können wie frĂŒher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber natĂŒrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-GerĂ€t, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stĂ€rkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine grĂ¶ĂŸere AktivitĂ€t dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo gehört. Aber nur “30 junge Frauen” zur BegrĂŒndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die FĂ€higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig eingeĂŒbten Verhalten prĂŒft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden mĂŒssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung geĂ€ndert.

“Wir haben mit der Studie bestĂ€tigt, dass Magersuchtkranke hĂ€ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdrĂŒckt wurde”, erklĂ€rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Großhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch verĂ€ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle fĂŒr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.comNun ist allerdings die Art, wie hier ZusammenhĂ€nge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer tĂ€ten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Daß “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegenĂŒber jenen von nicht einschlĂ€gig leidenden Menschen verĂ€ndert sind, ist im Grunde alles andere als ĂŒberraschend, denn natĂŒrlich mĂŒssen psychische VerĂ€nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur AnhĂ€nger esoterischer ErklĂ€rungsmodelle wĂŒrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese VerĂ€nderungen wĂŒrden das entsprechende Verhalten (womöglich sogar unausweichlich) verursachen, und wĂ€ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – womöglich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – ZusammenhĂ€nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, daß psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische VerĂ€nderungen bewirken können (NeuroplastizitĂ€t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen maßgeblich zu einem besseren VerstĂ€ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, ergeben sich fĂŒr die Anorexie neue TherapieansĂ€tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm fĂŒr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu können. Zur Erfolgskontrolle könnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolutionĂ€rer Durchbruch fĂŒr die Behandlung der Anorexie postuliert. FĂŒr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige FlexibilitĂ€t ein wenig erhöhen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” fĂŒr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Daß neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da wĂ€re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Daß die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, dafĂŒr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-Fördermittel..) erfordern wĂŒrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen fĂŒr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelmĂ€ĂŸig ein extrem kosten- und materialaufwĂ€ndiges MRT absolvieren mĂŒssen, darĂŒber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen StudienfĂŒlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale TherapieansĂ€tze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht ĂŒberraschend vermehrt in Kritik gerĂ€t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Jun 26

In einem Press-Release ĂŒber eine im April dieses Jahres im „Journal of Clinical Psychiatry“ vom Weill Cornell Medical College in New York veröffentlichte Studie war kĂŒrzlich zu lesen, daß Resultate einer post mortem Studie darauf hindeuten, dass “Ă€ltere Menschen, die Suizid begehen, oft nicht mit Antidepressiva versorgt sind”. 72 Prozent der von der Studie erfaßten Suizid-Opfer waren MĂ€nner, die hĂ€ufigste Suizid-Methode war ein Sprung aus grĂ¶ĂŸerer Höhe (38,4%) und Selbststrangulation (25,1%). Die höchste Suizid-Rate wurde in der Gruppe der ĂŒber 85jĂ€hrigen beobachtet (10,7 pro 100.000). Nur eines von vier Suizidopfern hatte zum Zeitpunkt des Todes Antidepressiva im Körper, bei denjenigen im Alter von 85 und darĂŒber waren es sogar noch weniger. Wenn man davon ausgehe, dass viele der Suizidopfer an einer medizinisch behandelbaren Depression litten, deuten diese Ergebnisse auf “Probleme in der Versorgung der ganz Alten mit antidepressiver pharmakologischer Therapie” hin, schreiben die Autoren. Nun, medizinisch behandelbar ist heutzutage ja prinzipiell so gut wie alles, die Frage ist nur, ob bei der ĂŒberwiegenden Anzahl der an Depressionen leidenden Ă€lteren Menschen eine rein medikamentöse Behandlung stets auch der Weisheit bester Schluß ist?

Wie auch die Forscher schlußendlich in ihrer Studie anmerkten, wĂ€re es angesichts der Depressions- und Suizidraten der Ă€lteren Generation sicherlich sinnvoll, wenn bei Menschen hohen Alters, welche den Arzt aufsuchen, grundsĂ€tzlich auf Depressionen und SuizidalitĂ€t gescreent wĂŒrde. Generell ließe sich der Leidensweg zahlreicher PatientInnen sicherlich deutlich abkĂŒrzen, wenn schon von Beginn an psychische Mitursachen oder gar Auslöser fĂŒr körperliche Erkrankungen in die Ă€rztliche Diagnostik miteinbezogen wĂŒrden. (Quellen: MedScape, ReutersHealth; Apr 09; J Clin Psychiatry; 2009, 70: 312-317)

Jun 20
Dextropropoxyphen (Co-Proxamol)

Dextropropoxyphen (Co-Proxamol)

In Großbritannien ist seit dem Entzug der Zulassung des verbreiteten Schmerzmittels Co-Proxamol im Jahre 2007 die Anzahl der Suizide drastisch gesunken. Wissenschaftler des Centre for Suicide Research an der University of Oxford halten Co-Proxamol fĂŒr etwa ein FĂŒnftel aller Suizide mit Medikamenten bis zum Inkrafttreten der Sperre verantwortlich, die Anzahl der TodesfĂ€lle, die mit dem Medikament in Zusammenhang gebracht werden, sank danach um 62 Prozent, konkret gab es 295 Selbstmorde und 349 TodesfĂ€lle durch das Medikament – inklusive versehentliche Überdosierungen – weniger. Die US-amerikanischen Behörden ĂŒberlegen derzeit ebenfalls, das Medikament vom Markt zu nehmen. Bei Co-Proxamol handelt es sich um eine Kombination von Paracetamol und einer opiathĂ€ltigen Substanz.

Co-Proxamol wird auch unter den Namen Capadex, Distalgesic, Di-Gesic, Darvon, Darvon-N, Darvocet oder Lentogesic vertrieben, der Wirkstoff ist Propoxyphen bzw. Dextropropoxyphen.

(Quelle: British Medical Journal, Ed 2009-06)

Jan 31

Da selbst Metaanalysen in diesem Bereich nur inkonsistente Ergebnisse erbrachten, wurden in einer groß angelegten Meta-Studie nun die langfristigen Wirkungen der sog. “neuen Generation” von Antidepressiva untersucht. Die Studie verglich die Ergebnisse von 117 randomisierten Tests mit insgesamt 25.928 TeilnehmerInnen im Gesamtzeitraum von 1991 bis 2007, bei denen die akute Behandlung von unipolarer, rezidivierender  Depression bei Erwachsenen untersucht wurde.

Mirtazapin, Escitalopram, Venlafaxin (=Efectin) und Sertralin zeigten sich als signifikant mehr effizient als Duloxetin (=Cymbalta), Fluoxetin (=Citalopram), Vluvoxamin, Paroxetin (=Paroxat) und Reboxetin (=Solvex). Letzterer Wirkstoff war signifikant weniger wirksam als alle anderen getesteten Antidepressiva.

Die Analyse ergab, daß signifikante Wirkungsunterschiede in Bezug auf Effizienz und Akzeptanz zwischen den 12 hauptsĂ€chlich verschriebenen Antidepressiva festzumachen sind, wobei Escitalopram (Handelsnamen: Lexapro, Cipralex) und Sertralin (Handelsnamen: Gladem, Tresleen, Zoloft) besonders positiv hervorstachen. Sertralin scheint sich am besten am Behandlungsbeginn von mittelschweren bis schweren rezidivierenden Depressionen Erwachsener zu bewĂ€hren, es zeigte die beste Balance zwischen Vorteilen, Akzeptanz und Behandlungskosten. Mit beiden Medikamenten erfolgten auch am seltensten AbbrĂŒche des medikamentösen Teils der Therapie.

(Quelle: The Lancet [1])

Der VollstĂ€ndigkeit halber sei erwĂ€hnt, daß diese Studie die Wirkung der Substanzen nur bei der erwĂ€hnten, sehr spezifischen Form von Depression untersuchte, und auch z.T. begleitende Psychotherapien (heute an sich ‘state of the art’ in der Depressionstherapie) leider nicht Teil der Metaanalyse waren. Im Bereich “Artikel” meiner Website finden Sie mehr zum aktuellen Stand der Depressionstherapie mit UnterstĂŒtzung von Psychopharmaka.

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die hĂ€ufigsten GrĂŒnde dafĂŒr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschlĂ€giger Verscheibungen fĂŒhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zurĂŒck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit  Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlußfolgerung allerdings als alleinige ErklĂ€rung gerechtfertigt ist? Über die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen IndustrielĂ€ndern (u.a. aufgrund verĂ€nderter ErnĂ€hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grundsĂ€tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (MĂ€dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (MĂ€dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin fĂŒhren die Studienautoren an, daß auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen hĂ€tte. Der Verdacht liegt nahe, daß einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie DiĂ€ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. TatsĂ€chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der pĂ€diatrischen Abteilung der UniversitĂ€t Iowa, einen Trend, daß privat versicherte PatientInnen hĂ€ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erwĂ€hnt, sind die großzĂŒgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu  Ärzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in Österreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der SozialversicherungstrĂ€ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. Über alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der FĂŒnf- bis NeunjĂ€hrigen und der Zehn- bis 14-JĂ€hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essstörungen”

Nov 04

Trotz des großen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in mĂ€nnlichen Jugendlichen fĂŒr antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. So sollen die Körper von Jugendlichen, die “schwerwiegendes antisoziales Verhalten” gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol ausschĂŒtten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, wĂ€hrend sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die AggressivitĂ€t, besser steuern können. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann mĂŒsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach hĂ€tte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit [Erziehungsmaßnahmen] zu disziplinieren, man mĂŒsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen wĂŒrden also leichter “antisozial”, ebenso wie andere zur Depression oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tatsĂ€chlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische Königsweg ist).

Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man könne “neue Behandlungsweisen fĂŒr schwere Verhaltensprobleme” entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auffĂ€llige Kinder und Jugendliche medikamentös zu behandeln, um so “das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern”. Zudem könne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen – und, so könnte man hinzufĂŒgen, Ă€ndern mĂŒssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

(Quellen: telepolis, University of Cambridge)

Kommentar R.L.Fellner:

Die Frage, wie man möglichst frĂŒh und effektiv die Entwicklung von “antisozialem Verhalten” unterbinden kann, beschĂ€ftigt englische Wissenschafter schon seit Jahren. Pikanterweise werden zu diesem Verhalten aber nicht nur Kriminaltaten gezĂ€hlt, sondern auch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig harmlose Handlungen wie etwa Graffitis, Ruhestörung, das Trinken in der Öffentlichkeit, MĂŒll-hinterlassen, Pöbeln oder der Mißbrauch von Feuerwerken. Auch allgemein “lĂ€stiges Betragen” zĂ€hlt das Innenministerium dazu (Liste).

Aus humanistischer Sicht ist diese Entwicklung nicht nur besorgniserregend, sondern auch in höchstem Maße fragwĂŒrdig: wer verfolgt das Interesse an “behandelbarem LĂ€stigsein”, wer definiert hier die Grenzziehung zu “sozial erwĂŒnschtem” Verhalten und wie darf man sich dieses vorstellen? ErhĂ€lt zukĂŒnftig jedes “ruhestörende”, “MĂŒll hinterlassende” Kind seine tĂ€gliche Anpassungs-Pille und seinen ersten Eintrag in den Datenbanken der Krankenkassen?
Die Jugend ist entwicklungspsychologisch eine Phase der Auflehnung und Unangepasstheit – seit den AnfĂ€ngen der Menschheit. Konsequenter, aber in gewissem Rahmen nachsichtiger Umgang mit dem Verhalten Jugendlicher und ein multiprofessioneller Ansatz haben sich bei massiver oder dauerhafter VerhaltensaufĂ€lligkeit bisher gut bewĂ€hrt – die Ausweitung der pathologischen Grenze, wie sie englische Modell vornimmt, ist deshalb klar abzulehnen. Ein noch weitaus flaueres MagengefĂŒhl wĂŒrde mir als EnglĂ€nder allerdings der offensichtlich gesellschaftspolitisch inspirierte Trend verursachen, Widerstand, Auflehnung oder fehlende Sozialkompetenz als behandlungsbedĂŒrftige Krankheit zu redefinieren und damit entsprechende Angebote der Pharmaindustrie zu provozieren, statt das entsprechende Geld in die BekĂ€mpfung der “anderen” -und wohl viel relevanteren- Ursachen zu stecken: die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen, ein besseres Sozialsystem und vor allem Visionen, die ihr kreatives Potenzial und ihre Ressourcen anregen.

06.01.16