May 22

Armed conflicts are hard to process. Subconsciously they remind us of our own mortality and trigger a strong impulse to sympathize with either the aggressor’s or the victim’s side. After that, the position taken will rarely be corrected. A headwind will often amplify this, sometimes by suppressing or distorting new perceptions and information. The Swiss psychoanalyst Arno Gruen analyzed the causes for human destructiveness in a remarkable way in his publications.

This momentum explains why so many individuals as well as international media and organizations had such obvious difficulties to name the violent aspects of the political protests that took place. An openly signaled sympathy for the proponents of democratic values by individual reporters would be justifiable – but having to read and hear terms like ‘defense’ or ‘justifiable anger’ even after arson and attacks against civilians took place, many of us were stunned by the noticeable partisanship and rationalization of the damage caused.

A dynamic we saw in the camp of UDD was just as disturbing. Many people inside the camp as well as many supporters outside were so emotionalized by the passionate speeches (which constantly alleged the government of having an intent to kill them), that when their leaders finally called to immediately stop the radicalization at the time of their arrest, it did not help anymore because the train was already at full speed. Not least because revolutionary movements often attract elements who join them not from political belief but rather for the pleasure of destruction and violence ‚Äď a drive just waiting for the appropriate opportunity to unleash.

(This short article is part of a weekly series dealing with psychological expat problems and general mental health issues and was published in various newspapers and magazines in Thailand, 2010)

Tourists walking through one of the destroyed districts of Bangkok (Image: ZEIT Online)

Links:
Arno Gruen – books dealign with
Bangkok iReport CNN
This is no peasant’s revolt (The Nation)
Put an end to this rebellion (Bangkok Post)
The Shame of the UDD (Bangkok Post)
Two “protest leaders” – two interpretations of ‘peaceful opposition’
What would your government do about this (Bangkok Post guest comment)

May 01

Presumably many of you, like myself, were shocked by the recent events in Bangkok, and we can only hope that by the time you read this article, the tense situation on Ratchadapisek has already been defused.

During the previous weeks it was hard to ignore how little knowledge about modern strategies of conflict resolution seems to exist in this country. According to F. Glasl’s 9-stage model of conflict escalation, the country is already trapped in a ‘lose-lose’ stage: there is only one other level of escalation remaining now, ultimately aiming at the physical destruction of opponents – if necessary, at the price of self destruction… Needless to say who would have to pay this price in a national crisis.

For organizations or in couple therapy, it is state-of-the-art to involve an external party to resolve insolvable and chronic conflicts or a hardening of the situation. Such a consultant or mediator will take a neutral position and attend and support a process of de-escalation and reconciliation. In a catch-22 situation like the current one, however, it requires either a powerful outside party or one of the conflicting parties to involve a mediator! Let us hope that our politicians succeed in finally doing that ‚Äď ideally, as discreetly as many couples do it when they need help, instead of argueing in front of TV cameras, as we have recently experienced.

(This short article is part of a weekly series dealing with psychological expat problems and general mental health issues and was published in various newspapers and magazines in Thailand, 2010; Pictures (c) BangkokDailyNews.com)

Jul 30

Bei meiner regelmäßigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum Magers√ľchtige an ihrem gest√∂rten Essverhalten festhalten:
Geringe Verhaltensflexibilität ist durch Veränderungen im Gehirn bedingt

Als h√§tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem pers√∂nlichen Leben nichts ver√§ndern m√ľ√üten ;-). Im Anschlu√ü wird erkl√§rt, da√ü Wissenschaftler am Universit√§tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals Vorg√§nge in den Gehirnzellen entdeckt” h√§tten, “welche das gest√∂rte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erkl√§ren”.

Wow. Ich mu√ü allerdings gestehen, da√ü mich nach jahrelanger T√§tigkeit als Psychotherapeut – trotz gro√üen Interesses und laufender Besch√§ftigung mit aktueller Forschung – derartig rei√üerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker rei√üen k√∂nnen wie fr√ľher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber nat√ľrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-Gerät, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stärkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine größere Aktivität dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo geh√∂rt. Aber nur “30 junge Frauen” zur Begr√ľndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die F√§higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig einge√ľbten Verhalten pr√ľft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden m√ľssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung ge√§ndert.

“Wir haben mit der Studie best√§tigt, dass Magersuchtkranke h√§ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdr√ľckt wurde”, erkl√§rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Gro√ühirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch ver√§ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle f√ľr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.comNun ist allerdings die Art, wie hier Zusammenhänge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer täten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Da√ü “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegen√ľber jenen von nicht einschl√§gig leidenden Menschen ver√§ndert sind, ist im Grunde alles andere als √ľberraschend, denn nat√ľrlich m√ľssen psychische Ver√§nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur Anh√§nger esoterischer Erkl√§rungsmodelle w√ľrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese Ver√§nderungen w√ľrden das entsprechende Verhalten (wom√∂glich sogar unausweichlich) verursachen, und w√§ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – wom√∂glich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – Zusammenh√§nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, da√ü psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische Ver√§nderungen bewirken k√∂nnen (Neuroplastizit√§t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen ma√ügeblich zu einem besseren Verst√§ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen k√∂nnen, ergeben sich f√ľr die Anorexie neue Therapieans√§tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm f√ľr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu k√∂nnen. Zur Erfolgskontrolle k√∂nnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolution√§rer Durchbruch f√ľr die Behandlung der Anorexie postuliert. F√ľr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige Flexibilit√§t ein wenig erh√∂hen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” f√ľr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Da√ü neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da w√§re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Da√ü die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, daf√ľr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-F√∂rdermittel..) erfordern w√ľrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen f√ľr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelm√§√üig ein extrem kosten- und materialaufw√§ndiges MRT absolvieren m√ľssen, dar√ľber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen Studienf√ľlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale Therapieans√§tze nur wenig Fundiertes zutage gef√∂rdert hat und wohl nicht √ľberraschend vermehrt in Kritik ger√§t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Nov 29

Was haben moderne Kriegsf√ľhrung und Wirtschaftspolitik gemein? Beide basieren auf dem Prinzip der Entmenschlichung ihrer Prozesse. Mit dieser Einsicht eines √Ėkonomen beginnt der Dokumentarfilm √ľber die zunehmende Privatisierung ehemals staatlicher Institutionen. Der Film sucht die Orte der Privatisierung weltweit auf und f√ľhrt Beispiele daf√ľr an: In S√ľdafrika ist es die Stromversorgung, in England die Bahn, das Gesundheitssystem auf den Philippinen, die Wassersorgung in Bolivien. Der Film l√§sst die Menschen zu Wort kommen, die nicht von diesen Entwicklungen profitieren. Ihnen werden die Vertreter der Weltbank, des Internationalen W√§hrungsfonds und der Weltgesundheitsorganisation gegen√ľbergestellt, die f√ľr die globalen Privatisierungstendenzen mitverantwortlich sind.

Kommentar R.L.Fellner:

Ein sehenswerter und bewegender Film aus dem Jahre 2007 von Florian Opitz √ľber die mannigfaltigen Auswirkungen der h√§ufig als L√∂sung f√ľr Finanzierungsprobleme verkauften “Privatisierungen”.

Um die Produktion derartiger Dokumentationen zu unterst√ľtzen, sollten Sie das Video bitte auf DVD erwerben… und evt. weiterschenken.

Nov 18

Einer Untersuchung der University of Maryland der Zeitbudgets von 30.000 Menschen √ľber einen Zeitraum von 30 Jahren (1975-2006) zufolge sehen ungl√ľckliche oder unzufriedene Menschen l√§nger fern, w√§hrend die “sehr gl√ľcklichen” Personen mehr lesen und l√§ngere Zeit f√ľr soziale Kontakte aufwenden. Auch scheinen Arbeits- und Fernsehzeit negativ zu korrelieren: wenn Menschen mehr Zeit f√ľr sich zur Verf√ľgung haben (z.B. durch mehr Freizeit bzw. geringere Arbeitszeiten oder Arbeitsplatzverlust), steigen sowohl der Fernsehkonsum als auch die Schlafzeiten.

Die gl√ľcklicheren Menschen sind sozial aktiver, gehen √∂fter in die Kirche, w√§hlen √∂fter und lesen auch √∂fter Tageszeitungen, die ungl√ľcklichen Menschen fernsehen hingegen bis zu 20 Prozent mehr, auch wenn man Bildung, Alter, Einkommen, Geschlecht und andere Faktoren ber√ľcksichtigt, die sich auf Zufriedenheit und Fernsehschauen auswirken k√∂nnen. Zudem haben unzufriedene Menschen eher das Gef√ľhl, mehr Zeit, als sie wollen zur Verf√ľgung zu haben, gleichzeitig f√ľhlen sie aber zeitlich auch eher wieder unter Druck.

Fernsehen sei eine Art Sucht, sagen die Soziologen. Es f√ľhre kurzzeitig zu Zufriedenheit, langfristig aber zu Elend, vor allem wenn die Menschen sozial oder pers√∂nlich benachteiligt sind. √úberdies ist die Belohnung durchs Fernsehen leicht zu haben. Man muss nirgendwohin gehen, nichts ausmachen, sich anziehen oder sich anstrengen, um sofort zufriedengestellt zu werden.

Ungel√∂st scheint allerdings zu sein, ob nun die Unzufriedenen eher vom Fernsehen angezogen werden oder ob Fernsehen auch an sich Zufriedene ins Ungl√ľck st√ľrzen kann. (Quelle) Oder handelt es sich nicht vielleicht viel eher um einen Teufelskreis?

Nahezu zeitgleich erreicht uns eine mindestens ebenso d√ľstere Nachricht aus England:

W√§hrend verschiedenen Studien zufolge fr√ľher der Intelligenzquotient in westlichen L√§ndern um durchschnittlich 3 Punkte pro Jahrzehnt anstieg, scheint er nun wieder abzufallen, was die in den letzten Jahren bereits h√§ufiger ge√§u√üerten Vermutungen von Psychologen zu best√§tigen scheint: 800 13- bis 14-J√§hrige wurden Intelligenztests unterzogen, wonach die Ergebnisse mit einem √§hnlichen Test aus dem Jahr 1976 verglichen wurden. Danach sind die durchschnittlich Intelligenten zwar kl√ľger geworden, die Intelligentesten wurden aber “d√ľmmer” bzw. weniger. Komplizierte Denkf√§higkeiten, die mathematisches Wissen beinhalten, k√∂nnen nicht mehr 25 Prozent leisten, wie noch 1976, sondern gerade einmal noch 5 Prozent der Jugendlichen. Der untersuchende Psychologe Shayer meint, die Jugendlichen heute w√ľrden schneller antworten, k√∂nnten aber nur noch oberfl√§chlich denken. Die Ursachen k√∂nnten im Schulsystem liegen, welches vor allem auf das Bestehen von Tests trainiert, oder auch in ver√§nderten Freizeitbesch√§ftigungen, welche sich heute zu einem hohen Anteil auf elektronische Medien (Computer, Computerspiele, Internet, passiver Fernsehkonsum etc.) richten.

Kommentar R.L.Fellner:

Ich frage mich ja schon seit langem, wie weit wir es mit dem alle Lebensbereiche durchdringenden “Zwang zur Optimierung” (welcher dann h√§ufig auf etwas hinausl√§uft, das ich “aufwandsoptimierte Wunschresultatsproduktion” bezeichnen m√∂chte..) noch bringen k√∂nnen. Allerorten mu√ü “gespart” werden (freilich ohne, dass Sie oder ich etwas von den dadurch hereingespielten Gewinnen zu sehen bekommen!), die Leistung bzw. der Output mu√ü jedoch stetig ansteigen, will doch vom Lehrer bis zum Finanzjongleur jeder steigende Kurven pr√§sentieren k√∂nnen. Der Zwang zur “steigenden Kurve” kann aber, das ist den meisten Systemen immanent, nicht ewig durchgehalten werden, und auch beim besten Willen ist Leistungsf√§higkeit endlich – Zitronen lassen sich nur bis zu einer bestimmten Grenze auspressen, ab dann geben sie immer weniger Saft… auf die √§u√üere Welt √ľbertragen: die Fehlerrate steigt, der “Unterbau” des Systems wird labil und br√ľchig. Es bilden sich, wie wir auch in der Finanzwelt beobachten k√∂nnen, “Blasen”, welche irgendwann platzen. Der Abschwung oder Crash ist also in jeder Aufw√§rtsentwicklung bereits vorprogrammiert, systemimmanent.

Wenn wir Kinder und uns selbst nur darauf trimmen, heute -oder bestenfalls noch morgen- zu bestehen, aber nicht auch ausreichend in langfristige und nachhaltige Ressourcenentwicklung investieren, wird eines Tages ein Preis daf√ľr zu bezahlen sein. Es scheint, als n√§herten wir uns gerade auch in der westlichen Welt einem Scheideweg: wenn wir nicht bald wieder zu jenen Prinzipien zur√ľckfinden, welche gerade Europa zu seiner weltweit anerkannten sozialen und wissenschaftlichen Entwicklung verhalfen, wie etwa Forschung und sozialen Grundprinzipien, haben wir – √§hnlich wie die USA bereits seit einigen Jahren – den “Peak Point” unseres Fortschrittes vielleicht bereits √ľberschritten. Nicht nur im Bereich der Intelligenz unserer Jugendlichen.

Nov 04

Oder: Die Finanzkrise als Ermutigung, seinen eigenen Weg zu gehen

Was hat die aktuelle Finanzkrise mit Psychotherapie zu tun?

Jeder von uns wird sp√§testens mit seiner Geburt in bestimmte Denkschemata hineingeboren. Ganz automatisch – durch den Fokus unserer Aufmerksamkeit und im Bed√ľrfnis, uns in unserer Umwelt m√∂glichst rasch zurechtzufinden und unsere Grundstrukturen ihr gegen√ľber kompatibel zu gestalten – integrieren wir weitgehend unbewu√üt ihre Denkmuster, Gewohnheiten und Grund√ľberzeugungen in unser eigenes Denksystem. Dies beginnt mit so einfachen Dingen wie gewissen Redewendungen (wer von uns hat sich nicht bereits mehrmals dabei ertappt, genauso wie der eigene Vater/die eigene Mutter zu fluchen, am Telefon zu gr√ľ√üen oder ein √§hnliches Gemisch an Hochsprache und Dialekt zu verwenden?), betrifft aber auch “Familientraditionen” verschiedenster Art und im Herkunftssystem zu findenden Probleml√∂sungsstrategien bis hin zu Ansichten √ľber die Welt und die Gesellschaft, in der wir leben. Wir alle sind aber nicht nur Kinder unserer Eltern, sondern auch unserer Zeit – so, wie beispielsweise noch vor 50 Jahren im Westen allgemeiner Konsens war, dass “gute” Frauen das traute Heim zu versorgen h√§tten, ist dieser Konsens heute, da√ü zu ihrer Selbstverwirklichung berufliche Karriere geh√∂rt. War fr√ľher beziehungsm√§√üige Stabilit√§t das Paradigma, nach dem das Ehegl√ľck bemessen wurde, wird heute der Vorrang individuellem Gl√ľck gegeben – nur, wenn’s f√ľr beide allein passt, allein dann passt es f√ľr beide.

Es ist schwierig festzumachen, “wer” im Detail derartige belief systems festlegt: sind es “die Medien”, ist es das “kollektive Unbewu√üte” (C. G. Jung), das uns vorantreibt (“voran”? Stellt eigentlich die Ver√§nderung von Grund√ľberzeugungen immer auch auch eine H√∂herentwicklung dar, oder sind auch R√ľckschritte m√∂glich?), oder sind es ausschlie√ülich gewisse Individuen, VordenkerInnen oder Revolution√§re, die der Gesellschaft jene Impulse verleihen, die sie zur √úberwindung der bisherigen Denkmauern verlocken?

Zur√ľck zum Thema: die sog. “Finanzkrise“. Ein weiteres Paradigma, das f√ľr die meisten braven Staatsb√ľrger w√§hrend der vergangenen Jahrzehnte v√∂llig au√üer Zweifel stand, war, da√ü wir unser ganzes Gl√ľck im Grunde der Wirtschaft zu verdanken haben, und diese daher am besten sich selbst √ľberlassen bliebe, w√§hrend der Staat sich m√∂glichst zur√ľckzuziehen habe, um sie (und damit uns selbst) m√∂glichst nicht an ihrem Gedeihen und Erbl√ľhen zu hindern.
Das Sch√∂ne an der Finanzkrise war ja aus meiner Sicht eigentlich, da√ü jeder von uns innerhalb nur weniger Wochen mit eigenen Augen und Ohren Zeuge von einem der m√§chtigsten Paradigmenwechsel werden konnte, die w√§hrend den letzten Dekaden zu erleben waren: eine einmalige Chance – warum also nicht auch etwas f√ľr sich selbst dabei lernen: wenn sich n√§mlich das, was die √ľberwiegende Mehrheit der Menschheit f√ľr wahr und unzweifelhaft hielt, innerhalb nur weniger Wochen nahezu ins Gegenteil verkehren konnte (nun ist bekanntlich der Staat gefordert, die Wirtschaft zu st√ľtzen; nicht mehr allein der Bankensektor, sondern auch andere Wirtschaftszweige beginnen nun, Unterst√ľtzung und staatliche Regulierung einzufordern), welche √úberraschungen warten dann wom√∂glich noch auf uns? Auf welchen mentalen Einbahnstra√üen sind wir sonst noch unterwegs – wir als Gesellschaft, aber auch ganz pers√∂nlich, in unserem eigenen Umfeld sowie unser ureigenstes Leben betreffend? Welche Denkmauern k√∂nnten wir noch einrei√üen, k√∂nnten wir sie nur erkennen, nach all den Jahrzehnten, in denen wir bereits in ihnen lebten, ohne es √ľberhaupt zu bemerken?

Es kann ein spannender Versuch sein, seine eigenen Sichtweisen und Wahrnehmungen, all die Regeln und Verhaltensleitlinien, die wir uns irgendwann – ohne, da√ü wir es bewu√üt wahrnahmen -, und damit unsere Wahrnehmung der sogenannten “Wirklichkeit” einmal massiv zu hinterfragen. Wenn ich X tue, warum tue ich es eigentlich so und nicht anders? Wenn ich √ľber X so:Y denke, warum eigentlich .. und warum kam ich nicht zu der Ansicht, die mein(e) Partner(in), mein Nachbar, mein ungeliebter Kollege auf so √ľberzeugte Weise vertritt? Wenn ich mich andererseits aber in Teilbereichen meiner Pers√∂nlichkeit unsicher f√ľhle: was hemmt mich da eigentlich, und k√∂nnte es nicht sein, da√ü das, was mich anderen gegen√ľber bremst, sich in einer anderen Situation als meine St√§rke entpuppen k√∂nnte?

Wir leben in einer spannenden Zeit. Aber das behauptete man ja immer schon. ūüėČ

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Zum Weiterlesen:
Systemische Psychotherapie
Wirklichkeit
Literatur zum Weiterlesen

06.01.16