May 23

Bei Kindern und Jugendlichen bew√§hren sich psychotherapeutische Pr√§ventionsprogramme definitiv – die einj√§hrige Studie ‚ÄěSaving and Empowering Young Lives in Europe (SEYLE): Gesundheitsf√∂rderung durch Pr√§vention von riskanten und selbstsch√§digenden Verhaltensweisen“, die in Deutschland an der Universit√§tsklinik f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie Heidelberg durchgef√ľhrt wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse und wies eine Reduktion psychischer Probleme bei den teilnehmenden Sch√ľlern sowie einen deutlichen R√ľckgang von depressiven Symptomen, selbstsch√§digenden Verhaltensweisen und Selbstmordgedanken insbesondere bei M√§dchen nach.

Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit von Pr√§ventionsma√ünahmen zu √ľberpr√ľfen und effiziente Programme langfristig an bundesweit allen Schulen zu etablieren. Sie lief unter der Federf√ľhrung des Karolinska-Instituts in Stockholm gleichzeitig in neun anderen EU-Staaten sowie Israel.

‚ÄěEs gibt ein hohes Ma√ü an gef√§hrdeten Jugendlichen, doch viele von ihnen kommen nicht bei den Therapeuten an”, erkl√§rt Studienleiter R. Brunner. ‚ÄěBei psychischen Problemen gibt es eine immer noch ausgepr√§gte Stigmatisierung.” Viele Jugendliche haben Angst, von ihren Mitsch√ľlern ausgelacht zu werden. ‚ÄěWir waren im Vorfeld mehrfach in den Klassen, um Aufkl√§rung zu betreiben”, sagt Studienkoordinator M. Kaess, ‚Äěetwa dar√ľber, dass die vertrauliche Kommunikation mit den Sch√ľlern und ihre Anonymit√§t gew√§hrleistet sind.” Rund 70 Prozent entschlossen sich daraufhin zur Teilnahme.

√úber 1.400 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 16 Jahren waren an der Studie beteiligt. Sie kamen von 26 Gymnasien, Real- Hauptschulen des Rhein-Neckar-Kreises und Heidelberg. Zun√§chst beantworteten die Acht- und Neuntkl√§ssler bei der Eingangsuntersuchung im Januar 2010 einen Fragebogen, der unter anderem die Themenbereiche Suizidgef√§hrdung, Selbstverletzung, Angst, Depression, Delinquenz, gest√∂rtes Essverhalten, exzessiver Medienkonsum, Schulschw√§nzen und Mobbing abhandelte. Je eines von vier Pr√§ventionsprogrammen wurde den Schulen per Zufall zugeteilt. Beim sogenannten Professional Screening erhielten √ľber 60 Prozent der Sch√ľler aufgrund ihrer Antworten eine Einladung zu einem Interview. Bei 30 Prozent derer, die zum Termin erschienen waren, stellten die Psychiater einen Behandlungsbedarf fest.

In einem der anderen drei Pr√§ventionsprogramme nahmen etwa 100 Lehrer an einem Training teil, dass sie in die Lage versetzte, betroffene Jugendliche zu erkennen und mit ihnen umzugehen (‚ÄěGatekeeper-Training”). 450 Sch√ľler wurden im Rahmen von f√ľnf Unterrichtsstunden √ľber riskante und selbstsch√§digende Verhaltensweisen sowie den Umgang damit aufgekl√§rt (‚ÄěAwareness Training”). An anderen Schulen wurden den Klassenr√§umen Informationsplakate aufgeh√§ngt und den Jugendlichen Visitenkarten mit den Kontaktinformationen der Universit√§tsklinik f√ľr Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgeh√§ndigt (‚ÄěMinimal Intervention”).

Bei etwa 25 Prozent der Sch√ľler sank die Suizidgef√§hrdung im Laufe der Folgeuntersuchungen. Besonders bei den M√§dchen verringerten sich die psychischen Probleme. ‚ÄěEine genaue Analyse der unterschiedlichen Gruppen und Wirkfaktoren steht noch aus”, betont Brunner. ‚ÄěDiese ersten Ergebnisse stellen ausschlie√ülich Tendenzen bezogen auf die Heidelberger Gesamtstichprobe dar. Es fehlen allerdings noch genaue Analysen im Vergleich mit anderen EU-Staaten, die sicher noch weitere Erkenntnisse bringen werden.”

(Quelle: http://www.seyle.eu , Der Standard v 20.01.2011)

Nov 01

In den letzten 30 Jahren gab es einen R√ľckgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf ca. 9.400, mit dem st√§rksten R√ľckgang in den neuen Bundesl√§ndern nach der Wiedervereinigung.

Einer der wichtigsten Gr√ľnde f√ľr diesen sensationellen R√ľckgang d√ľrfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sowie eine bessere Fr√ľherkennung des Krankheitsbildes sein. Aber trotz dieser Fortschritte werden auch heute nur weniger als 10% der ca. 4 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, sch√§tzen Experten. ‚ÄěDies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen (..) zur Verf√ľgung stehen‚Äú, sagte Prof. Dr. U. Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik f√ľr Psychiatrie der Universit√§t Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen B√ľndnisse gegen Depression in einem Interview in Berlin.

Zu den Gr√ľnden f√ľr die schwierige zeitgerechte Diagnose und Therapie z√§hlen unter anderem auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgef√ľhle und Ersch√∂pfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Au√üerdem wissen h√§ufig weder die Betroffenen selbst noch die √Ąrzte (!) nicht um die ad√§quaten Behandlungsm√∂glichkeiten. Mit Psychotherapie und dem Einsatz von Antidepressiva kann bei √ľber 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Immer noch glauben 80 Prozent der Bev√∂lkerung, dass Antidepressiva s√ľchtig machen oder die Pers√∂nlichkeit ver√§ndern. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Psychotherapeutische Behandlungsangebote gehören heute zum Standard der therapeutischen Arbeit mit depressiv kranken Menschen.

In die neue, Ende 2009 verabschiedete deutsche¬† S3/NV-Leitlinie f√ľr die Behandlung der unipolaren Depression ging Psychotherapie umf√§nglich ein. ‚ÄěErstmals wurde damit auch f√ľr schwer und schwerst depressiv Kranke Psychotherapie, in Kombination mit Medikation, als Standard benannt‚Äú, sagte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Sprecher Arbeitskreis Depressionsstationen D/CH und √Ąrztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, anl√§sslich des 7. Europ√§ischen Depressionstages im Oktober 2010. Depressive St√∂rungen geh√∂ren zu den h√§ufigsten Beratungsanl√§ssen und Erkrankungen in der Versorgung. F√ľr Patienten besteht vor allem hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fach√§rztlicher und psychotherapeutischer Behandlung und bei der Indikation f√ľr ambulante oder station√§re Behandlungsma√ünahmen Optimierungsbedarf. Mit der neuen Leitlinie kommt man dieser Optimierung n√§her.

Ziele der Leitlinie sind unter anderem, Depression besser zu erkennen und Diagnostik und Behandlung von Depressionen in Deutschland zu optimieren. Ebenso sollen spezifische Empfehlungen zur Abstimmung und Koordination der Versorgung aller beteiligten Fachdisziplinen gegeben werden. Die Leitlinie gibt dabei keine Richtlinien vor, sondern Empfehlungen, wie zum Beispiel nach aktuellem Wissenschaftsstand und nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin am sinnvollsten vorzugehen ist. ‚ÄěIn der Praxis gibt die Leitlinie Anhaltspunkte, wie die Hauptsymptomatiken von Depressionen und die Begleitsymptome leichter erkennbar werden,‚Äú sagte Prof. Manfred Wolfersdorf.

Ebenso sei ein Screening zur Fr√ľherkennung von Depressionen in der Leitlinie beinhaltet. Hiermit kann man zum Beispiel bei Patienten, die einer Hochrisikogruppe angeh√∂ren (z.B. aufgrund fr√ľherer depressiver St√∂rungen oder komorbider somatischer Erkrankungen) Ma√ünahmen zur Fr√ľherkennung von Depressionen bereits bei Kontakten in der Hausarztversorgung und in Allgemeinkrankenh√§usern einsetzen. F√ľr ein Screening geeignete Instrumente sind der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden, der Gesundheitsfragebogen f√ľr Patienten (PHQ-D) sowie die Allgemeine Depressionsskala (ADS). Eine weitere M√∂glichkeit der schnellen Erfassung einer m√∂glichen depressiven St√∂rung ist der so genannte ‚ÄěZwei-Fragen-Test‚Äú:

1. F√ľhlten Sie sich im letzten Monat h√§ufig niedergeschlagen, traurig bedr√ľckt oder hoffnungslos?
2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen mit ‚ÄěJa‚Äú beantwortet, ist die klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich, da nur durch die explizite Erhebung aller relevanten Haupt- und Nebensymptome eine ad√§quate Diagnosestellung nach ICD-10 m√∂glich ist. Dies geschieht in aller Regel √ľber eine fundierte Exploration.

(Quellen: MedAustria; Hegerl et.al., “Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression” in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience Vol 260, Nr 5, 401-406, DOI: 10.1007/s00406-009-0088-z)

Interessiert Sie dieses Thema? Dann ist f√ľr Sie vielleicht auch mein umfangreicherer Artikel zur Behandlung der Depression interessant.
Einen Screening-Selbsttest auf Depression finden Sie ebenfalls auf dieser Website (Link klicken).

Feb 12

Immer mehr Senioren leiden an psychischen Erkrankungen. In einem Interview mit der √∂sterr. Tageszeitung “Der Standard” erkl√§rte der Chefarzt der Psychosozialen Dienste (PSD) Wiens, G. Psota: “Wir haben eine wachsende Problematik mit den ‘drei Ds’ – Demenz, Delirium und Depression. Davon sind 35 bis 45 Prozent der √ľber 80-J√§hrigen betroffen”.

Immer noch w√ľrden psychisch Kranke oft diskriminiert und stigmatisiert. Doch psychische Leiden spielen sich mitten in der Gesellschaft ab: Ein Prozent der √Ėsterreicher leiden an Schizophrenie, 870.000 haben ein Alkoholproblem, fast 110.000 Menschen sind dement, 400.000 depressiv. Psota: “Psychische Erkrankungen sind eine Herausforderung an Alle.”, eine Organisation allein k√∂nne l√§ngst nicht mehr eine Vollversorgung gew√§hrleisten. Vielmehr m√ľsste das Wissen √ľber eine ad√§quate Betreuung der Betroffenen sich in alle relevanten Bereiche erstrecken, wozu neben den Angeh√∂rigen und √Ąrzten der verschiedenen Fachrichtungen auch die sozialen Dienste ebenso wie beispielsweise auch die Exekutive geh√∂rten. Wichtig sei auch die ambulante Versorgung durch Psychiatrie und Psychotherapie.

Psota: “Wir haben mittlerweile sehr verschiedene Gruppen von Patienten, die wir betreuen und behandeln. Da sind erstens jene alt gewordenen psychisch Kranken, die durch die Wiener Psychiatriereform aus den Anstalten heraus kamen. Die sind mittlerweile √§lter als 60 Jahre. Sie sind durch langfristige Behandlung und in geeigneten Rahmenbedingungen oft einigerma√üen stabil, man muss sich bei ihrer Betreuung aber zunehmend auch um die k√∂rperlichen Aspekte k√ľmmern, weil die Menschen eben √§lter werden.”

Die zweite Gruppe seien “relativ junge Personen, die Psychosen entwickelt haben, schwere (oft bipolare) Depressionen oder andere psychiatrische Erkrankungen wie beispielsweise das Borderline Syndrom haben und Behandlung f√ľr viele Jahre brauchen. Aber auch Patientinnen und Patienten mit mittelgradigen Depressionen und Angstst√∂rungen, die kurz bis mittelfristig eine psychiatrische Betreuung ben√∂tigen, bis sie von niedergelassenen Psychiaterinnen und Psychiatern betreut werden k√∂nnen.”

(Quelle: Der Standard, 11.02.2010)

Dec 19

Das √∂sterreichische Testmagazin “Konsument” vergleicht in seiner J√§nner-Ausgabe nikotinfreie Therapiehilfen. Das Ergebnis: Beratung und psychotherapeutische Unterst√ľtzung, eventuell in Kombination mit Medikamenten, f√ľhren eher zur Abstinenz als viele “alternative” Mittel.

Unter den rezeptpflichtigen Medikamenten zeigte sich bei Varenicilin, da√ü es h√§ufig Nebeneffekte mit sich bringt, etwa Kopfschmerzen, √úbelkeit und Schlaflosigkeit sowie depressive Verstimmungen. Nach einem Jahr liegt die Abstinenzrate bei 20%, unklar ist jedoch, ob der Effekt √ľber die Anwendungsdauer hinaus anh√§lt. Beim “Antidepressivum” Bupropion (aka Wellbutrin, Amfebutamon, Zyban) existieren noch zu wenig Daten bez√ľglich Nebenwirkungen und Langzeiterfolg, kurzfristig jedoch kann es bei der Entw√∂hnung unterst√ľtzen.

Zu Hom√∂opathie, Bachbl√ľtentherapie und Akupunktur wurde von Konsument festgestellt, da√ü bisher “kein wissenschaftlicher Beweis f√ľr eine √ľber den Placeboeffekt hinausgehende Wirkung vorliegt”.

Die Papaya, Haselnu√ü, Pfefferminz und Eukalyptus enthaltenden NTB-Kr√§uterretten sind g√ľnstig, die Belastung “mit toxischen und kanzerogenen Rauchinhaltstoffen” sei allerdings ebenfalls sehr hoch, so die Analyse. Zur Zigarettenattrappe Smoz aus Kunststoff mit Pfefferminz-, Erdbeer- oder Zitronenaroma weist der Hersteller selbst darauf hin, dass Smoz nicht f√ľr den Nikotinentzug geeignet ist.

Auch f√ľr den Einsatz von Hypnose in der Raucherentw√∂hnung gibt es laut “Konsument” bisher keine wissenschaftlichen Nachweise.

Raucherberatung und Psychotherapie: Die von Krankenkassen und √Ąrzten angebotenen Beratungen sowie psychotherapeutische Verfahren erh√∂hen die Erfolgsquoten deutlich, so die Tester. Bei einzelnen davon entspricht die Wirksamkeit jener einer Zyban-Behandlung: nach einem Jahr waren 39% rauchfrei, w√§hrend im gleichen Zeitraum nur 12% der medikament√∂s behandelten Raucher abstinent blieben.

Hinweis R.L.Fellner:
Den Testergebnissen zur Hypnose mu√ü allerdings deutlich widersprochen werden, jedenfalls, sofern “Hypnose” mit Hypnotherapie gleichgesetzt wird. Zur Wirksamkeit letzterer existieren umfangreiche Studien, die erste davon jene von Kline aus dem Jahre 1980. Allerdings weisen viele dieser Studien z.T. erhebliche methodische M√§ngel auf, wie C.C.Schweizer in ihrer Arbeit “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” korrekt feststellt. Dieser zufolge d√ľrfte die Erfolgsquote von Hypnotherapie je nach eingesetzter Methodik zwischen 25% und 46% liegen.

(Quellen: Konsument 01/2010, Der Standard 18.12.2009, Schweizer, Cornelie C., “Hypnotherapie bei Nikotinabusus” (Diss. , 2006), Kline M.V., “The Use Of Extended Group Hypnotherapy Sessions in Controlling Cigarette Habituation” in: The Internations Journal of Clinical and Experimental Hypnosis. 18. 270-282)

Dec 15

Den aktuellen Stand der Behandlung von Pers√∂nlichkeitsst√∂rungen wurde k√ľrzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft f√ľr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) pr√§sentiert.

Unter einer Persönlichkeitsstörung versteht man die extrem starke Ausprägung eines Persönlichkeitsstils wie etwa die zwanghafte, stark abhängige, ängstlich-vermeidende, paranoide, schizoide, die Aufmerksamkeit suchende, antisoziale oder stark narzisstische Veranlagung (Klassifikation siehe ICD-10). Charakteristisch ist bei allen Formen fehlende Flexibilität im Verhalten. Zwischen sechs und neun Prozent der Europäer leben mit so einer Störung, unter Psychiatrie-Patienten beträgt der Anteil in Deutschland sogar 40 Prozent. Betroffene, die besonders stressanfällig, emotional labil und ängstlich sind, entwickeln häufig andere psychische Folgeerkrankungen.

Man nimmt heute an, dass ein belastendes Lebensereignis oder eine nicht gel√∂ste Lebensaufgabe dazu f√ľhren k√∂nnen, dass ein durch Vererbung, Beziehungs- oder Esserfahrungen gepr√§gter Pers√∂nlichkeitsstil kranke Formen annimmt, die auch Behandlung erfordern. “Glaubte man lange, PS w√ľrden erstmals in der Pubert√§t auftreten und dann stabil bleiben, k√∂nnen das aktuelle Studien nicht best√§tigen. Bei 35 Prozent der Patienten liegt das Vollbild der St√∂rung nach zwei Jahren, bei 85 Prozent nach acht Jahren nicht mehr vor”, so Sabine C. Herpertz, Direktorin der Heidelberger Universit√§tsklinik f√ľr allgemeine Psychiatrie. Ohne Behandlung k√∂nne ein zur Krankheit gewordener Pers√∂nlichkeitsstil fatale Auswirkungen haben, die bis zum Suizid reichen.

Die am besten erforschte Pers√∂nlichkeitsst√∂rung ist Borderline (BPS). Schl√ľsselpunkt sei das Training bestimmter Fertigkeiten, wie z.B. die der Regulation von Emotionen und Stress, die Steigerung des Selbstwertgef√ľhls, das Achten auf sich selbst und sich in Schl√ľsselsituationen abzulenken oder zu entspannen. Bew√§hrte Ans√§tze seien jene der DBT, Tiefenpsychologie, basale Kognitionen (z.B. in der Systemischen Therapie) oder auf Mentalisierung (z.B. in der Hypnotherapie), bei der man unter anderem auch die richtige Interpretation des eigenen oder fremden Verhaltens ein√ľbt.

Wer zu einer Pers√∂nlichkeitsst√∂rung neige, sei laut Herpertz nicht von seiner genetischen Disposition abh√§ngig, sondern k√∂nne lernen, die Auswirkungen auf Psyche und Verhalten zu steuern. Am besten vor Pers√∂nlichkeitsst√∂rung gesch√ľtzt seien extrovertierte, kontaktfreudige Charaktere, die nicht zu hohe Anspr√ľche an sich selbst stellen. “G√ľnstig ist auch Ausdauer in Lebensaufgaben und Frust sowie soziale Zuverl√§ssigkeit.” Allerdings k√∂nnen auch zuviel Skrupel sowie sch√§dlicher Perfektionismus, √ľbertriebene Ausdauer, Unf√§higkeit zum Genuss und extreme Extrovertiertheit zu Problemen f√ľhren. “Es gilt stets den Weg der Mitte zu finden”, so die Heidelberger Psychiaterin.

(Quellen: Der Standard, DGPPN (Presseinfo / Abstract))

Nov 27
Bildquelle: alphachimp.com

Bildquelle: alphachimp.com

Chronische Schmerzen – etwa verursacht durch Beschwerden des St√ľtz- und Bewegungsapparates, an denen 70-80% der Bev√∂lkerung im Laufe ihres Lebens erkranken – haben dramatische Auswirkungen auf die Lebensqualit√§t. So hat, wie eine aktuelle Studie des Europ√§ischen Dachverbandes von Schmerzgesellschaften EFIC zeigt, jeder vierte Schmerzpatient ein eingeschr√§nktes Sozialleben, fast ein Drittel der Schmerzpatienten b√ľ√üt an Unabh√§ngigkeit ein. M√ľdigkeit, Ersch√∂pfung, ein eingeschr√§nktes Sexualleben und Konzentrationsst√∂rungen treten ebenso h√§ufig auf. Und nicht zuletzt haben Schmerzpatienten auch ein drei Mal h√∂heres Risiko als der Bev√∂lkerungsdurchschnitt, eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln.

Depression ist zugleich Ausl√∂ser und Verst√§rker von Schmerzen, und Schmerzen sind umgekehrt eine Ursache von Depression. Chronische Schmerzpatienten haben ein drei Mal h√∂heres Risiko als der Bev√∂lkerungsdurchschnitt, eine psychiatrische Erkrankung zu entwickeln, und Depressionspatienten haben ein drei Mal h√∂heres Risiko f√ľr eine chronische Schmerzerkrankung”, erkl√§rt B. Kepplinger, √Ąrztlicher Direktor des Landesklinikums Mostviertel Amstetten-Mauer und Sekret√§r der √Ėsterreichischen Schmerzgesellschaft (√ĖSG) in einem Interview mit dem Standard.

Der Experte pl√§diert angesichts dieser Zusammenh√§nge daf√ľr, Schmerzpatienten systematisch auch auf Symptome einer Depression zu untersuchen: “Diese Aufkl√§rungsinitiative ist auch besonders wichtig, damit die vielen unerkannten Depressionen bei Schmerzpatienten demaskiert und ad√§quat behandelt werden k√∂nnen. (..) F√ľr die Zusammenh√§nge zwischen Schmerz und Psyche spricht auch die Wirksamkeit von Antidepressiva und psychotherapeutischen Verfahren in der Schmerz-Behandlung. Aus diesen Gr√ľnden gilt heute als unumstritten, dass Schmerzen nicht nur fr√ľhzeitig und ausreichend mit Medikamenten, sondern auch mit [psychotherapeutischen] Strategien behandelt werden m√ľssen.”

(Quelle: Studie “Pain in Europe”, EFIC)

Oct 19

59 Prozent aller Medikamente gegen psychische St√∂rungen werden in den USA von praktischen √Ąrzten – also nicht von Psychiatern – verschrieben. Nach einer k√ľrzlich im Fachjournal “Psychiatric Services” ver√∂ffentlichten Studie, im Zuge derer 472 Millionen Rezepte, die in den USA zwischen August 2006 und Juli 2007 ausgestellt worden waren, untersucht wurden, verschrieben praktische √Ąrzte den Hauptteil aller Medikamente: 62 Prozent aller Antidepressiva und 52 Prozent aller Stimulanzien (welche haupts√§chlich bei ADHS verschrieben werden). Zur Behandlung von Psychosen wurden 37 Prozent verschrieben, 22 Prozent gegen Zw√§nge und Wahnvorstellungen.

Mindestens 27 Millionen Amerikaner nehmen Antidepressiva ein, und einige Millionen (die genaue Zahl ist unbekannt) Medikamente gegen ADHS. Die Hauptsorge der Wissenschafter ist, ob die Patienten bei Allgemeinmedizinern damit auch eine adäquate Behandlung bekommen. Die chemischen Substanzen der Medikamente beeinflussen das Gehirn und können erhebliche Nebenwirkungen haben, andererseits kann eine nicht-behandelte Depression suizid-gefährdend sein.

(Quelle: Reuters, 10/2009)

Oct 03

In seinem aktuellen Buch “The Emperor’s New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth” widmet sich der englische Psychologe, Hypnotherapeut und Verhaltenstherapeut Irving Kirsch den Mythen bez√ľglich der angeblichen Effizienz der Antidepressiva sowie der wissenschaftlichen Theoriebildung um das Krankheitsbild der Depression. Auch ich selbst habe mich vor 4 Jahren in einem Artikel diesem Thema gewidmet (auf meiner Website verf√ľgbar: Link) – wenn auch weitaus weniger umfangreich, aus anderen Perspektiven und mit anderen Begr√ľndungen. √Ąhnlich jedoch waren die Schlu√üfolgerungen – Antidepressiva w√ľrden in ihrer Wirkung √ľbersch√§tzt, sollten nur bei schweren Depressionen tempor√§r und gezielt zur Symptomentlastung eingesetzt werden, das Fundament der Behandlung sollte jedoch Psychotherapie darstellen.

Kirsch illustriert in seinem Buch, dass Antidepressiva nicht wirksamer seien als Placebos, Scheinmedikamente ohne Wirkstoff (was aber nicht bedeutet, dass sie wirkungslos sind – ausdr√ľcklich warnt er Betroffene davor, die Antidepressiva abrupt und ohne Absprache mit einem Arzt abzusetzen.) Seine Auswertungen von einer Vielzahl von z.T. bisher unver√∂ffentlichten Studien rund um die Wirkung von Antidepressiva (siehe Blog-Eintrag “Antidepressiva vertr√§glicher, aber kaum besser wirksam“) ergab, “dass 82 Prozent der medikament√∂sen Wirkung auch durch wirkungslose Placebos erreicht werden kann.” Statt Psychopharmaka empfiehlt er Psychotherapien. Zwar seien auch diese kurzfristig kaum effektiver als Placebos, langfristig aber wirksamer, weil die Therapierten seltener R√ľckf√§lle erlitten.

In einem Artikel auf Telepolis gibt der Journalist Matthias Becker lesenswerte Einblicke sowohl in das erw√§hnte Buch Irvings’ als auch in die Hintergr√ľnde der Marketingt√§tigkeiten der Pharmakonzerne, welche auf verschiedensten Wegen versuchen, die √∂ffentliche Meinung √ľber psychische Krankheiten, deren Ursachen und die empfehlenswerteste (das ist dann i.d.R. eine Psychopharmaka-basierte) “state of the art”-Behandlung etwa √ľber die Finanzierung von “Informations”-Websites, die Manipulation oder Unterdr√ľckung spezifischer Studienergebnisse etc. zu beeinflussen.

Sep 25

Laut √∂sterreichischem Ern√§hrungsbericht haben 42 Prozent der 18- bis 65-J√§hrigen √úbergewicht, elf Prozent davon Adipositas. Besonders alarmierend: bereits jeder f√ľnfte Bub und jedes sechste M√§dchen in √Ėsterreich ist √ľbergewichtig, 50 Prozent davon adip√∂s. Im Vergleich zu Kindern mit Neurodermitis oder Asthma ist ihre Lebensqualit√§t dabei besonders schlecht: weil Adipositas nicht als Krankheit gesehen wird, gelten sie als selbst schuld. Und sp√§ter kommt nicht selten Diabetes als ganz reale und mit zahlreichen desastr√∂sen k√∂rperlichen Sch√§den verbundene Folgeerkrankung hinzu.

Der typische Ansatz von √ľbergewichtigen Menschen und deren Angeh√∂rigen mit dem Wunsch, das Gewicht zu reduzieren, sind Di√§ten. Ern√§hrungsumstellungen werden versucht, die aber in den allermeisten F√§llen scheitern und dann weitere Frustrationserlebnisse darstellen und den Teufelskreis zwischen Depression und Versagensgef√ľhlen und dem Bed√ľrfnis, diese Gef√ľhle durch Essen zu kompensieren, anfeuern.

In einem lesenswerten Interview in der österreichischen Tageszeitung Der Standard, das auch online nachzulesen ist, geht eine Ernährungswissenschaftlerin im Gespräch mit einem Soziologen der Frage nach, warum derartige Versuche so häufig scheitern und wie ein Weg aus der Übergewichtsspirale heraus gefunden werden kann:

“Jede Ern√§hrungsumstellung bei starkem √úbergewicht muss eine Kombination aus Ern√§hrungsberatung, Psychotherapie und Bewegung sein. Und langfristige Erfolge gibt es dann, wenn das soziale Umfeld – meist also die Familie – mitmacht und bereit ist, das Leben umzustellen. Damit werden dann n√§mlich soziale Gef√ľge ver√§ndert, und der Betroffene ist mit seinem Problem nicht mehr allein.
(..) Bei Kindern w√ľrde Therapie nicht mehr ohne Einbeziehung der Eltern gemacht werden.”

Sep 24

Trauernde, die einen Nahestehenden verloren haben, erkranken deutlich h√§ufiger an Herzkrankheiten – die entsprechenden Hintergr√ľnde wurden nun von √Ąrzten an der Sydney Medical School und der Faculty of Nursery and Midwifery der Universit√§t Sydney untersucht. Bisher wurden die Gr√ľnde f√ľr das erh√∂hte Erkrankungsrisiko im akuten Stress der Betroffenen gesehen, die weiteren Zusammenh√§nge blieben jedoch weitgehend unklar. Die Studienteilnehmer litten quer durch alle Altersgruppen an √Ąngsten, Depressionen, Zornsymptomen, erh√∂hten Stresshormon-Werten sowie an verringertem Schlaf und Appetit, daneben wurden Zunahmen des Blutdrucks und der Herzfrequenz festgestellt. Ver√§ndert waren auch die Immunantworten sowie die Blutgerinnung. All diese Ver√§nderungen finden sich auch bei Menschen, welche vor einem Herzinfarkt stehen.

Erste deutliche Verbesserungen der Symptomatik konnten durch Informationen √ľber die genaue Todesursache des Verstorbenen erreicht werden. Weiters stelle die bewu√üte psychische Aufarbeitung eines Todesfalles eine wesentliche Voraussetzung zur Vermeidung eigener gesundheitlicher Folgen dar. Je fr√ľher diese beginne, desto besser, so die Studienleiter, welche darauf hinweisen, da√ü es in der traditionellen Medizin der meisten V√∂lker – im Unterschied zum wesetlichen Kulturkreis – eine intensive Auseinandersetzung nach dem Verlust eines Familienangeh√∂rigen gibt. “Auch bei uns w√§re dies dringend zu empfehlen. An wen man sich hier wendet, ob es sich um eine Selbsthilfegruppe, einen Psychologen oder Psychotherapeuten handelt, ist egal, solange es dabei unterst√ľtzt, das Thema aufzuarbeiten”, meint Lehner.

Quellen: [1], [2]

06.01.16