May 13

Eine Kombination von zwei Antidepressiva resultiert in keiner Beschleunigung der Genesung.

Dies ist das Ergebnis der CO-MED-Studie, fĂŒr die Wissenschafter an 15 medizinischen Zentren in den USA insgesamt 665 Patienten zwischen 18 und 75 Jahren untersucht haben.
„Ärzte sollten Patienten mit Major Depression nicht vorschnell Kombinationen aus antidepressiven Medikamenten als Erstlinientherapie verschreiben“, so Dr. Madhukar H. Trivedi, Psychiatrieprofessor am UT Southwestern Medical Center. „Die medizinischen Implikationen sind eindeutig – die zusĂ€tzlichen Kosten und die Belastung durch zwei Medikamente sind es bei einem ersten Behandlungsschritt nicht wert.“

Die Wissenschafter bildeten drei Behandlungsgruppen: Escitalopram plus Placebo, Escitalopram plus Buprobion und Venlafaxin plus Mirtazapin. Die Studie lief von MĂ€rz 2008 bis Februar 2009.
Nach zwölf Behandlungswochen waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen gleich – bei circa 39 Prozent kam es zur Remission und bei circa 52 Prozent zu einer Response.

Nach sieben Behandlungsmonaten waren die Remissions- und Responseraten in den drei Gruppen immer noch gleich, allerdings zeigten sich in der dritten Gruppe (Venlafaxin plus Mirtazapin) mehr Nebenwirkungen.

(Quellen: Medical Net News, May 2011, MedAustria, neuro-online)

Nov 01

In den letzten 30 Jahren gab es einen RĂŒckgang der Zahl der Suizide in Deutschland von 18.000 auf ca. 9.400, mit dem stĂ€rksten RĂŒckgang in den neuen BundeslĂ€ndern nach der Wiedervereinigung.

Einer der wichtigsten GrĂŒnde fĂŒr diesen sensationellen RĂŒckgang dĂŒrfte die bessere Versorgung depressiv Erkrankter sowie eine bessere FrĂŒherkennung des Krankheitsbildes sein. Aber trotz dieser Fortschritte werden auch heute nur weniger als 10% der ca. 4 Millionen depressiv Erkrankten in Deutschland optimal behandelt, schĂ€tzen Experten. „Dies ist ein nicht tolerierbarer Zustand, da Depressionen schwere, oft lebensbedrohliche Erkrankungen sind und wirksame Behandlungen (..) zur VerfĂŒgung stehen“, sagte Prof. Dr. U. Hegerl, Direktor Klinik und Poliklinik fĂŒr Psychiatrie der UniversitĂ€t Leipzig, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Sprecher der Deutschen BĂŒndnisse gegen Depression in einem Interview in Berlin.

Zu den GrĂŒnden fĂŒr die schwierige zeitgerechte Diagnose und Therapie zĂ€hlen unter anderem auch die Depressionssymptome selbst wie Hoffnungslosigkeit, SchuldgefĂŒhle und Erschöpfung, die es den Betroffenen erschweren, sich professionelle Hilfe zu holen und empfohlene Behandlungen konsequent mitzugehen. Außerdem wissen hĂ€ufig weder die Betroffenen selbst noch die Ärzte (!) nicht um die adĂ€quaten Behandlungsmöglichkeiten. Mit Psychotherapie und dem Einsatz von Antidepressiva kann bei ĂŒber 90 Prozent der Betroffenen die Depression zum Abklingen gebracht oder ihnen zumindest deutlich geholfen werden. Immer noch glauben 80 Prozent der Bevölkerung, dass Antidepressiva sĂŒchtig machen oder die Persönlichkeit verĂ€ndern. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Psychotherapeutische Behandlungsangebote gehören heute zum Standard der therapeutischen Arbeit mit depressiv kranken Menschen.

In die neue, Ende 2009 verabschiedete deutsche  S3/NV-Leitlinie fĂŒr die Behandlung der unipolaren Depression ging Psychotherapie umfĂ€nglich ein. „Erstmals wurde damit auch fĂŒr schwer und schwerst depressiv Kranke Psychotherapie, in Kombination mit Medikation, als Standard benannt“, sagte Prof. Dr. Manfred Wolfersdorf, Sprecher Arbeitskreis Depressionsstationen D/CH und Ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Bayreuth, anlĂ€sslich des 7. EuropĂ€ischen Depressionstages im Oktober 2010. Depressive Störungen gehören zu den hĂ€ufigsten BeratungsanlĂ€ssen und Erkrankungen in der Versorgung. FĂŒr Patienten besteht vor allem hinsichtlich einer abgestuften und vernetzten Versorgung zwischen haus-, fachĂ€rztlicher und psychotherapeutischer Behandlung und bei der Indikation fĂŒr ambulante oder stationĂ€re Behandlungsmaßnahmen Optimierungsbedarf. Mit der neuen Leitlinie kommt man dieser Optimierung nĂ€her.

Ziele der Leitlinie sind unter anderem, Depression besser zu erkennen und Diagnostik und Behandlung von Depressionen in Deutschland zu optimieren. Ebenso sollen spezifische Empfehlungen zur Abstimmung und Koordination der Versorgung aller beteiligten Fachdisziplinen gegeben werden. Die Leitlinie gibt dabei keine Richtlinien vor, sondern Empfehlungen, wie zum Beispiel nach aktuellem Wissenschaftsstand und nach den Kriterien der Evidenzbasierten Medizin am sinnvollsten vorzugehen ist. „In der Praxis gibt die Leitlinie Anhaltspunkte, wie die Hauptsymptomatiken von Depressionen und die Begleitsymptome leichter erkennbar werden,“ sagte Prof. Manfred Wolfersdorf.

Ebenso sei ein Screening zur FrĂŒherkennung von Depressionen in der Leitlinie beinhaltet. Hiermit kann man zum Beispiel bei Patienten, die einer Hochrisikogruppe angehören (z.B. aufgrund frĂŒherer depressiver Störungen oder komorbider somatischer Erkrankungen) Maßnahmen zur FrĂŒherkennung von Depressionen bereits bei Kontakten in der Hausarztversorgung und in AllgemeinkrankenhĂ€usern einsetzen. FĂŒr ein Screening geeignete Instrumente sind der WHO-5-Fragebogen zum Wohlbefinden, der Gesundheitsfragebogen fĂŒr Patienten (PHQ-D) sowie die Allgemeine Depressionsskala (ADS). Eine weitere Möglichkeit der schnellen Erfassung einer möglichen depressiven Störung ist der so genannte „Zwei-Fragen-Test“:

1. FĂŒhlten Sie sich im letzten Monat hĂ€ufig niedergeschlagen, traurig bedrĂŒckt oder hoffnungslos?
2. Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

Werden beide Fragen mit „Ja“ beantwortet, ist die klinische Erfassung der formalen Diagnosekriterien erforderlich, da nur durch die explizite Erhebung aller relevanten Haupt- und Nebensymptome eine adĂ€quate Diagnosestellung nach ICD-10 möglich ist. Dies geschieht in aller Regel ĂŒber eine fundierte Exploration.

(Quellen: MedAustria; Hegerl et.al., “Sustainable effects on suicidality were found for the Nuremberg alliance against depression” in: European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience Vol 260, Nr 5, 401-406, DOI: 10.1007/s00406-009-0088-z)

Interessiert Sie dieses Thema? Dann ist fĂŒr Sie vielleicht auch mein umfangreicherer Artikel zur Behandlung der Depression interessant.
Einen Screening-Selbsttest auf Depression finden Sie ebenfalls auf dieser Website (Link klicken).

Oct 19

59 Prozent aller Medikamente gegen psychische Störungen werden in den USA von praktischen Ärzten – also nicht von Psychiatern – verschrieben. Nach einer kĂŒrzlich im Fachjournal “Psychiatric Services” veröffentlichten Studie, im Zuge derer 472 Millionen Rezepte, die in den USA zwischen August 2006 und Juli 2007 ausgestellt worden waren, untersucht wurden, verschrieben praktische Ärzte den Hauptteil aller Medikamente: 62 Prozent aller Antidepressiva und 52 Prozent aller Stimulanzien (welche hauptsĂ€chlich bei ADHS verschrieben werden). Zur Behandlung von Psychosen wurden 37 Prozent verschrieben, 22 Prozent gegen ZwĂ€nge und Wahnvorstellungen.

Mindestens 27 Millionen Amerikaner nehmen Antidepressiva ein, und einige Millionen (die genaue Zahl ist unbekannt) Medikamente gegen ADHS. Die Hauptsorge der Wissenschafter ist, ob die Patienten bei Allgemeinmedizinern damit auch eine adÀquate Behandlung bekommen. Die chemischen Substanzen der Medikamente beeinflussen das Gehirn und können erhebliche Nebenwirkungen haben, andererseits kann eine nicht-behandelte Depression suizid-gefÀhrdend sein.

(Quelle: Reuters, 10/2009)

Oct 03

In seinem aktuellen Buch “The Emperor’s New Drugs: Exploding the Antidepressant Myth” widmet sich der englische Psychologe, Hypnotherapeut und Verhaltenstherapeut Irving Kirsch den Mythen bezĂŒglich der angeblichen Effizienz der Antidepressiva sowie der wissenschaftlichen Theoriebildung um das Krankheitsbild der Depression. Auch ich selbst habe mich vor 4 Jahren in einem Artikel diesem Thema gewidmet (auf meiner Website verfĂŒgbar: Link) – wenn auch weitaus weniger umfangreich, aus anderen Perspektiven und mit anderen BegrĂŒndungen. Ähnlich jedoch waren die Schlußfolgerungen – Antidepressiva wĂŒrden in ihrer Wirkung ĂŒberschĂ€tzt, sollten nur bei schweren Depressionen temporĂ€r und gezielt zur Symptomentlastung eingesetzt werden, das Fundament der Behandlung sollte jedoch Psychotherapie darstellen.

Kirsch illustriert in seinem Buch, dass Antidepressiva nicht wirksamer seien als Placebos, Scheinmedikamente ohne Wirkstoff (was aber nicht bedeutet, dass sie wirkungslos sind – ausdrĂŒcklich warnt er Betroffene davor, die Antidepressiva abrupt und ohne Absprache mit einem Arzt abzusetzen.) Seine Auswertungen von einer Vielzahl von z.T. bisher unveröffentlichten Studien rund um die Wirkung von Antidepressiva (siehe Blog-Eintrag “Antidepressiva vertrĂ€glicher, aber kaum besser wirksam“) ergab, “dass 82 Prozent der medikamentösen Wirkung auch durch wirkungslose Placebos erreicht werden kann.” Statt Psychopharmaka empfiehlt er Psychotherapien. Zwar seien auch diese kurzfristig kaum effektiver als Placebos, langfristig aber wirksamer, weil die Therapierten seltener RĂŒckfĂ€lle erlitten.

In einem Artikel auf Telepolis gibt der Journalist Matthias Becker lesenswerte Einblicke sowohl in das erwĂ€hnte Buch Irvings’ als auch in die HintergrĂŒnde der MarketingtĂ€tigkeiten der Pharmakonzerne, welche auf verschiedensten Wegen versuchen, die öffentliche Meinung ĂŒber psychische Krankheiten, deren Ursachen und die empfehlenswerteste (das ist dann i.d.R. eine Psychopharmaka-basierte) “state of the art”-Behandlung etwa ĂŒber die Finanzierung von “Informations”-Websites, die Manipulation oder UnterdrĂŒckung spezifischer Studienergebnisse etc. zu beeinflussen.

Sep 24

Die geringe Heilkraft und der hohe Anteil an Placebowirkung von Antidepressiva geriet wĂ€hrend der letzten Monate – wohl auch angesichts der exorbitanten Anteile von Ausgaben fĂŒr Psychopharmaka in den Gesundheitsbudgets der krisengeschĂŒttelten westlichen Industrienationen – verstĂ€rkt in den Focus der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Das Deutsche Institut fĂŒr QualitĂ€t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen beurteilte nun in einer groß angelegten Meta-Studie die Heilungskraft von SNRI’s, der neuesten Generation von Antidepressiva, neu, wonach man zum Ergebnis kam, daß diese keinen wesentlichen Vorteil gegenĂŒber den SSRI’s mit sich bringen. Man sieht Hinweise, aber keine Belege dafĂŒr, dass z.B. Duloxetin und Venlafaxin bei Patienten mit höherem Schweregrad der Depression gegenĂŒber den SSRI’s besser wirken. Bewiesen sieht man den Zusatznutzen im Vergleich zu der Wirkstoffklasse der SSRI nur auf Ebene der Änderung der depressiven Symptomatik in der Kurzzeit-Akuttherapie, dafĂŒr kommt es gegenĂŒber den SSRI’s zu mehr TherapieabbrĂŒchen.

“Mehr noch, die SNRI’s schneiden nicht mal gegenĂŒber den VorlĂ€ufern der SSRIs, den trizyklischen Antidepressiva, besonders gut ab. Sie sind zwar besser vertrĂ€glich als diese, besser wirken im Sinne der Linderung oder gar Heilung einer Depression tun sie nicht. (..) In entscheidender Hinsicht befindet sich die medikamentöse Behandlung der Depression noch im Stadium den frĂŒhen 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts – da nĂ€mlich wurden die Trizyklika entwickelt.” (Quelle und Volltext: telepolis)

Jul 16

Eine neue Meta-Analyse der bisherigen Studien zu genetischen Verursachern der Depression zeigt auf, daß die modernen Theorien, nach denen zumindest einige Formen der Depression genetisch prĂ€disponiert wĂ€ren, vermutlich nicht haltbar sind.

Neil Risch vom Institut fĂŒr Humangenetik der University of California in San Francisco und KollegInnen untersuchten 14 der 26 öffentlich verfĂŒgbaren Studien, die zu A. Caspis Ansatz (welcher einen Zusammenhang zwischen einem Gen, das den Serotonintransport beeinflusst, den schweren Lebensereignissen und depressiven Erkrankungen postuliert, und im Veröffentlichungsjahr 2003 ein enormes Presseecho und zahlreiche Folgestudien zur Folge hatte) passten, umfassend untersucht. Das Studienergebnis:

Es gibt (..) keine Belege dafĂŒr, dass der Genotyp des Serotonintransporters allein oder im Zusammenwirken mit schlimmen Lebensereignissen mit einem höheren Risiko fĂŒr Depressionen verbunden ist. Das gilt fĂŒr MĂ€nner allein, fĂŒr Frauen allein und auch dann, wenn man beide Geschlechter zusammennimmt. Das einzige signifikante Ergebnis in den verschiedenen Studien war die starke Verbindung schlimmer Lebensereignisse mit dem Risiko fĂŒr Depressionen.

Dieses Ergebnis ist nicht nur fĂŒr die Erforschung genetischer EinflĂŒsse auf Depressionen, sondern auf psychische Erkrankungen generell ein herber RĂŒckschlag. Gerade mit Blick auf die zunehmende Verbreitung dieser Erkrankungen und vielversprechende Ergebnisse wie die von Caspi und Kollegen wird seit Jahren eine Vielzahl von ForschungsantrĂ€gen rund um genetische Verursachungsmodelle gestellt – und auch bewilligt. De facto steigen aber die Hinweise, daß nur die wenigsten psychischen Erkrankungen tatsĂ€chlich genetische Ursachen haben, viele davon vermutlich nicht einmal in Form von Faktoren, die einen Ausbruch einschlĂ€giger Störungen oder Erkrankungen erleichtern könnten. So wird wohl auch weiterhin Psychotherapie – in schweren FĂ€llen ergĂ€nzt durch Psychopharmaka – die State-of-the-Art-Behandlungsmethode bleiben.

“Risch und seine Kollegen verweisen in ihrem Artikel auf eine ganze Reihe anderer Projekte, in denen etwa die genischen EinflĂŒsse auf die Anzahl der Sexualpartner eines Menschen oder auf kriminelles Verhalten untersucht werden. Sie warnen explizit davor, die wissenschaftlichen Ergebnisse voreilig in klinische, rechtliche oder soziale Kontexte zu ĂŒbertragen. Aus ihrer Untersuchung wird deutlich, wie wichtig die Aufgabe in der Wissenschaft ist, die Ergebnisse anderer Forscher zu bestĂ€tigen – oder eben auch zu widerlegen. Gerade in pharmakologischer Forschung, bei der die Wirksamkeit von Medikamenten auf die Probe gestellt wird, werden negative Befunde oft aber gar nicht erst veröffentlicht und stehen dann auch fĂŒr Meta-Analysen nicht zur VerfĂŒgung.” (tp)

Quellen: tp,  Journal of the American Medical Association (06/2009)

Jun 26

In einem Press-Release ĂŒber eine im April dieses Jahres im „Journal of Clinical Psychiatry“ vom Weill Cornell Medical College in New York veröffentlichte Studie war kĂŒrzlich zu lesen, daß Resultate einer post mortem Studie darauf hindeuten, dass “Ă€ltere Menschen, die Suizid begehen, oft nicht mit Antidepressiva versorgt sind”. 72 Prozent der von der Studie erfaßten Suizid-Opfer waren MĂ€nner, die hĂ€ufigste Suizid-Methode war ein Sprung aus grĂ¶ĂŸerer Höhe (38,4%) und Selbststrangulation (25,1%). Die höchste Suizid-Rate wurde in der Gruppe der ĂŒber 85jĂ€hrigen beobachtet (10,7 pro 100.000). Nur eines von vier Suizidopfern hatte zum Zeitpunkt des Todes Antidepressiva im Körper, bei denjenigen im Alter von 85 und darĂŒber waren es sogar noch weniger. Wenn man davon ausgehe, dass viele der Suizidopfer an einer medizinisch behandelbaren Depression litten, deuten diese Ergebnisse auf “Probleme in der Versorgung der ganz Alten mit antidepressiver pharmakologischer Therapie” hin, schreiben die Autoren. Nun, medizinisch behandelbar ist heutzutage ja prinzipiell so gut wie alles, die Frage ist nur, ob bei der ĂŒberwiegenden Anzahl der an Depressionen leidenden Ă€lteren Menschen eine rein medikamentöse Behandlung stets auch der Weisheit bester Schluß ist?

Wie auch die Forscher schlußendlich in ihrer Studie anmerkten, wĂ€re es angesichts der Depressions- und Suizidraten der Ă€lteren Generation sicherlich sinnvoll, wenn bei Menschen hohen Alters, welche den Arzt aufsuchen, grundsĂ€tzlich auf Depressionen und SuizidalitĂ€t gescreent wĂŒrde. Generell ließe sich der Leidensweg zahlreicher PatientInnen sicherlich deutlich abkĂŒrzen, wenn schon von Beginn an psychische Mitursachen oder gar Auslöser fĂŒr körperliche Erkrankungen in die Ă€rztliche Diagnostik miteinbezogen wĂŒrden. (Quellen: MedScape, ReutersHealth; Apr 09; J Clin Psychiatry; 2009, 70: 312-317)

Jan 31

Da selbst Metaanalysen in diesem Bereich nur inkonsistente Ergebnisse erbrachten, wurden in einer groß angelegten Meta-Studie nun die langfristigen Wirkungen der sog. “neuen Generation” von Antidepressiva untersucht. Die Studie verglich die Ergebnisse von 117 randomisierten Tests mit insgesamt 25.928 TeilnehmerInnen im Gesamtzeitraum von 1991 bis 2007, bei denen die akute Behandlung von unipolarer, rezidivierender  Depression bei Erwachsenen untersucht wurde.

Mirtazapin, Escitalopram, Venlafaxin (=Efectin) und Sertralin zeigten sich als signifikant mehr effizient als Duloxetin (=Cymbalta), Fluoxetin (=Citalopram), Vluvoxamin, Paroxetin (=Paroxat) und Reboxetin (=Solvex). Letzterer Wirkstoff war signifikant weniger wirksam als alle anderen getesteten Antidepressiva.

Die Analyse ergab, daß signifikante Wirkungsunterschiede in Bezug auf Effizienz und Akzeptanz zwischen den 12 hauptsĂ€chlich verschriebenen Antidepressiva festzumachen sind, wobei Escitalopram (Handelsnamen: Lexapro, Cipralex) und Sertralin (Handelsnamen: Gladem, Tresleen, Zoloft) besonders positiv hervorstachen. Sertralin scheint sich am besten am Behandlungsbeginn von mittelschweren bis schweren rezidivierenden Depressionen Erwachsener zu bewĂ€hren, es zeigte die beste Balance zwischen Vorteilen, Akzeptanz und Behandlungskosten. Mit beiden Medikamenten erfolgten auch am seltensten AbbrĂŒche des medikamentösen Teils der Therapie.

(Quelle: The Lancet [1])

Der VollstĂ€ndigkeit halber sei erwĂ€hnt, daß diese Studie die Wirkung der Substanzen nur bei der erwĂ€hnten, sehr spezifischen Form von Depression untersuchte, und auch z.T. begleitende Psychotherapien (heute an sich ‘state of the art’ in der Depressionstherapie) leider nicht Teil der Metaanalyse waren. Im Bereich “Artikel” meiner Website finden Sie mehr zum aktuellen Stand der Depressionstherapie mit UnterstĂŒtzung von Psychopharmaka.

Jan 05

Eine kleine Sammlung von Statistiken bezĂŒglich der Versorgungslage, Finanzierung durch das Gesundheitssystem, Arzneimittel usw. in Deutschland, der Schweiz und Österreich, auf die ich im Laufe der Zeit stieß. Ich werde diese laufend erweitern bzw. aktualisieren.
Fallweise standen mir keine genauen Quellen zur VerfĂŒgung – wenn jemand eigene ErgĂ€nzungen machen möchte oder ĂŒber entsprechende Quellen verfĂŒgt, diese bitte hier im Sinne der Allgemeinheit als Kommentar posten!

statBedarf an und Nutzung von Psychotherapie

  • in Österreich haben die registrierten KrankenstandsfĂ€lle aufgrund psychischer Erkrankung allein in den letzten 10 Jahren auf das 1,5-fache zugenommen, wĂ€hrend im selben Zeitraum die KrankenstĂ€nde allgemein gesunken sind. Im langjĂ€hrigen Vergleich nehmen auch Pensionierungen aufgrund von InvaliditĂ€t wegen psychischer Krankheiten stark zu (Quelle: HSV).
  • Zahl der ÖsterreicherInnen in Psychotherapie: ca. 50.000.
    (diese Zahl betrifft allerdings nur jene, deren Therapie zumindest teilweise von den Krankenkassen mitfinanziert wird, die Zahl der Privatzahler ist unbekannt).
  • nach aktuellen epidemiologischen Studien leiden 25 % einer 25 – 45–jĂ€hrigen Großstadtbevölkerung und rund 10 % der lĂ€ndlichen Bevölkerung ĂŒber 15 Jahre an einer behandlungsbedĂŒrftigen psychischen Störung mit Krankheitswert gemĂ€ĂŸ dem ICD-10.
  • Es wird jedoch davon ausgegangen, dass nur 35 % der Personen, die eine Psychotherapie brauchen, fĂŒr eine solche auch motivierbar sind. Daraus abgeleitete SchĂ€tzungen zum „tatsĂ€chlichen“ Psychotherapiebedarf gehen davon aus, dass 2,1 bis 5 % der Gesamtbevölkerung psychotherapiebedĂŒrftig und -willig sind (= 170.000 bis 400.000 Personen). Dieser SchĂ€tzwert inkludiert allerdings darĂŒber hinaus auch nicht Personen mit vorĂŒbergehenden, leichteren oder nicht diagnostizierten psychischen Beschwerden und ist daher als absolute Untergrenze anzusehen.
  • Psychische Erkrankungen werden oft falsch diagnostiziert, was ebenfalls hohe Kosten verursacht: ein Großteil schwerer psychischer Störungen wird wĂ€hrend durchschnittlich 7 Jahre lang als körperlich verursacht fehlbehandelt.
  • Über 18% der InvaliditĂ€tspensionen resultieren aufgrund
    psychischer/psychiatrischer Leiden.
  • Im Jahr 2000 nahmen sich in Österreich 1.588 Personen das Leben, das entspricht 0,2% der Bevölkerung und mehr Toten als bei VerkehrsunfĂ€llen.
  • Nach in Deutschland vorgenommenen epidemiologischen Untersuchungen im Bereich der Gerontopsychiatrie treten psychische Erkrankungen bei den ĂŒber 65-jĂ€hrigen mit einer PrĂ€valenz von 25 – 30 % auf, davon senile Demenzen in der 7. Lebensdekade in einer HĂ€ufigkeit von 5 %, in der 8. Lebensdekade von 10 % und in der 9. Lebensdekade von 20 %. Die senile Demenz vom Alzheimer-Typ macht dabei mehr als 2/3 der FĂ€lle aus. Im Moment rechnet man im Bereich der alten BundeslĂ€nder mit einer Zahl von 1 Millionen von dieser Krankheit betroffenen Menschen. VaskulĂ€re oder Multi-Infarkt-Demenzen machen allein oder gemischt mit dem Erstgenannten etwa 1/4 der FĂ€lle aus.

    Depressionen im höheren Lebensalter kommen nach verschiedenen Studien in unserem Kulturkreis in 10 – 20 % der Bevölkerung vor. Beachtenswert ist auch die insgesamt große Diagnosegruppe der Neurosen und Persönlichkeitsstörungen (ĂŒber 10 % der GesamtprĂ€valenz), die den hohen Psychotherapiebedarf in dieser Altersgruppe untermauern. Bedeutsam ist die höhere Suizidrate bei Depressionen im höheren Lebensalter im Vergleich zu den jĂŒngeren und mittleren Jahren, hier insbesondere die höhere SuizidalitĂ€t Ă€lterer depressiver MĂ€nner. Hier kommen auf vier Suizidversuche ein gelungener Suizid (in jĂŒngeren Jahren 20 : 1). Die Suizidrate der Bevölkerung ĂŒber 65 Jahren ist doppelt so hoch wie die der jĂŒngeren Erwachsenen.(Quelle: AMWF, 1995)

Schwierigkeiten in der Psychotherapie

  • einer Untersuchung des Berufsethischen Gremiums des ÖBVP aus den Jahren 1994-1998 zufolge (Neubauer, 1999) nahm die Nutzung der Beschwerdestellen im Beobachtungszeitraum zu (knapp 300 FĂ€lle)
  • die ĂŒberwiegende Anzahl der Anfragen und Beschwerden konnte telefonisch geklĂ€rt werden
  • in ca. 1/3 der FĂ€lle wurde ein persönliches GesprĂ€ch gefĂŒhrt
  • in 42 FĂ€llen (ca. 15%) wurde zur Schlichtung Mediation angewendet
  • in den meisten FĂ€llen war eine verbale oder schriftliche KlĂ€rung möglich. In einigen FĂ€llen wurde eine finanzielle Abgeltung geleistet.
  • eine einzige gerichtliche Lösung kam vor, in zwei FĂ€llen wurde der Gerichtsweg beschritten
  • die meisten BeschwerdefĂŒhrer sind mittleren Alters (21-50 Jahre)
  • die hĂ€ufigsten GrĂŒnde fĂŒr die Kontaktaufnahme mit der Beschwerdestelle waren: AufklĂ€rungswĂŒnsche, Allgemeine Anfragen, Anfragen zu Kosten von psychotherapeutischen Behandlungen
  • seltene GrĂŒnde fĂŒr die Kontaktaufnahme waren: Ausbildungsangelegenheiten, sexueller und anderer Mißbrauch (innerhalb der 5 untersuchten Jahre wurden insgesamt 28 FĂ€lle von sexuellen Übergriffen in Beschwerdestellen behandelt) 2

Finanzierung von Psychotherapie

  • etwa die HĂ€lfte der Psychotherapie-PatientInnen macht diese voll finanziert auf Krankenschein, die andere HĂ€lfte bezuschusst (21,80 Euro pro Sitzung). Die Zahl der Privatzahler ist unbekannt.
  • Lediglich 30 % der Aufwendungen der Krankenkassen fĂŒr Psychotherapie betreffen die sog. “KassenplĂ€tze”. Der Großteil der PatientInnen muss selbst die Differenz zwischen dem von den Krankenkassen gewĂ€hrten Zuschuss – sofern dieser bewilligt wurde – und dem Honorar der PsychotherapeutInnen begleichen.
  • derzeit verhandelt der ÖBVP (Österr. Bundesverband fĂŒr Psychotherapie) mit dem Hauptverband der Sozialversicherungen ĂŒber einen Gesamtvertrag fĂŒr Psychotherapie, das sog. “Best-Practice-Modell”. Er könnte die HĂ€lfte jener Menschen, die Psychotherapie brauchen, in Behandlung bringen – entweder auf Krankenschein oder per Zuschuss von 41 Euro pro Stunde. Die Kosten davon wĂŒrden ca. 40 Millionen Euro pro Jahr betragen, also etwa 0,5% der gesamten Gesundheitsausgaben in Österreich (Quelle: Interview mit ÖBVP-PrĂ€sidentin Eva MĂŒckstein am 23.11.08 im Standard).
  • Bei allgemein steigenden Kosten fĂŒr
    Medikamente rangieren Psychopharmaka bereits auf Platz drei, wĂ€hrend die Ausgaben fĂŒr Psychotherapie, aber auch die KostenzuschĂŒsse fĂŒr KlientInnen seit 1998 unverĂ€ndert geblieben sind.

Wirksamkeit von Psychotherapie

  • Im Jahr 2001 wurde eine Metaanalyse zu allen bis 1995 vorliegenden Kosten-Nutzen-Studien auf dem Gebiet der Psychotherapie durchgefĂŒhrt. Die Studien zeigen, dass Psychotherapie im Vergleich zu routinemĂ€ĂŸig eingesetzten medizinischen Behandlungsmaßnahmen nicht nur wirksamer, sondern auch kostengĂŒnstiger ist. Die zu erzielenden medizinischen und volkswirtschaftlichen Einsparungen ĂŒbersteigen die Kosten fĂŒr einen vermehrten Einsatz von Psychotherapie bei weitem. Im Jahr nach Psychotherapiebeginn reduzierte sich die Nutzung medizinischer Dienste im Vergleich zum Vorjahr hochsignifikant:
    • Abnahme der Kliniktage pro PatientIn im Durchschnitt 5,6 Tage oder 54 %
    • Abnahme von ambulanten Arztkontakten pro PatientIn im Durchschnitt 4,2 Kontakte oder 26%
    • Reduktion von ArbeitsunfĂ€higkeitstagen je nach Störungsbild und
    • Behandlungsprogramm zwischen 26 bis 100 %.
    • Signifikante Abnahme der Kosten fĂŒr Psychopharmaka 34 Wochen nach Therapiebeginn.

    Das KostenverhÀltnis betrÀgt 1 : 1,7 zugunsten der Psychotherapie.
    Psychotherapie auf Krankenschein kann insofern als ein Projekt der Nachhaltigkeit betrachtet werden.

  • Sowohl der Medikamentenkonsum als auch die HĂ€ufigkeit von Arztbesuchen nehmen nicht immer schon wĂ€hrend, aber drei Jahre nach dem Beginn einer Psychotherapie ab. Das ergab eine Studie der Niederösterreichischen Gebietskrankenkassa im Jahre 2006.

* die genaue Quelle ist unbekannt. Bitte um Feedback (ĂŒber Kommentar unten oder das Kontaktformular meiner Website), falls Ihnen Details oder sogar exakte Quellenangaben dafĂŒr bekannt sind!
2 Quelle: Hutterer-Krisch, “Grundriss Der Psychotherapieethik“, 2007 (Springer-Verlag)
Beitrag aktualisiert: 31.01.2009

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die hĂ€ufigsten GrĂŒnde dafĂŒr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics veröffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschlĂ€giger Verscheibungen fĂŒhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zurĂŒck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit  Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlußfolgerung allerdings als alleinige ErklĂ€rung gerechtfertigt ist? Über die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen IndustrielĂ€ndern (u.a. aufgrund verĂ€nderter ErnĂ€hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grundsĂ€tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (MĂ€dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (MĂ€dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin fĂŒhren die Studienautoren an, daß auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen hĂ€tte. Der Verdacht liegt nahe, daß einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie DiĂ€ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. TatsĂ€chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der pĂ€diatrischen Abteilung der UniversitĂ€t Iowa, einen Trend, daß privat versicherte PatientInnen hĂ€ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erwĂ€hnt, sind die großzĂŒgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu  Ärzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in Österreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der SozialversicherungstrĂ€ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. Über alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der FĂŒnf- bis NeunjĂ€hrigen und der Zehn- bis 14-JĂ€hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essstörungen”

06.01.16