Jul 30

Bei meiner regelmĂ€ĂŸigen Durchsicht fachlicher Studien und Press releases stieß ich vor wenigen Tagen auf folgende atemberaubende Veröffentlichung in einem Fachmagazin:

Warum MagersĂŒchtige an ihrem gestörten Essverhalten festhalten:
Geringe VerhaltensflexibilitÀt ist durch VerÀnderungen im Gehirn bedingt

Als hĂ€tten wir uns das nicht immer schon gedacht. Oder gehofft – weil wir dann in unserem persönlichen Leben nichts verĂ€ndern mĂŒĂŸten ;-). Im Anschluß wird erklĂ€rt, daß Wissenschaftler am UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg “mit Hilfe der Magnetresonanztomographie erstmals VorgĂ€nge in den Gehirnzellen entdeckt” hĂ€tten, “welche das gestörte Essverhalten von Anorexie-PatientInnen erklĂ€ren”.

Wow. Ich muß allerdings gestehen, daß mich nach jahrelanger TĂ€tigkeit als Psychotherapeut – trotz großen Interesses und laufender BeschĂ€ftigung mit aktueller Forschung – derartig reißerische Schlagzeilen heute nicht mehr so recht vom Hocker reißen können wie frĂŒher. Meist ertappe ich mich eher beim Gedanken: “welches Gen ist es denn diesmal” oder “dreht es sich wieder um das gute, alte Serotonin oder etwas anderes?” Aber natĂŒrlich lese ich wie immer diszipliniert weiter:

Die Heidelberger Wissenschaftler untersuchten insgesamt 30 junge Frauen mit oder ohne Anorexie mit Hilfe der sogenannten funktionellen Magnetresonanztomographie (MRT). Dabei erfasste das MRT-GerĂ€t, wie hoch der Blutfluss in verschiedenen Gehirnarealen ist. Eine stĂ€rkere Durchblutung bedeutet vermehrter Stoffwechsel und damit eine grĂ¶ĂŸere AktivitĂ€t dieses Hirnbereich.

Derartiges haben wir ja alle schon mal irgendwo gehört. Aber nur “30 junge Frauen” zur BegrĂŒndung einer solchen These? Wie auch immer, weiter geht’s:

Die Teilnehmerinnen unterzogen sich einem Test, der die FĂ€higkeit zu einem flexiblen Verhaltenswechsel aus einem kurzfristig eingeĂŒbten Verhalten prĂŒft. Dazu werden den Testpersonen verschiedene geometrische Figuren in schneller Abfolge gezeigt, die zugeordnet werden mĂŒssen. Nach einem Durchlauf wird die Zuordnung geĂ€ndert.

“Wir haben mit der Studie bestĂ€tigt, dass Magersuchtkranke hĂ€ufiger als gesunde Vergleichspersonen an der vertrauten Verhaltensantwort festhielten, wodurch eine alternative Verhaltensweise unterdrĂŒckt wurde”, erklĂ€rte der Leiter der Arbeitsgruppe. Die Analyse der MRT-Bilder zeigte zudem, dass bei Magersucht Patientinnen im Vergleich zu gesunden Testpersonen ein bestimmter Netzwerk-Pfad zwischen Großhirn und Zwischenhirn vermindert aktiviert ist. Dieser Netzwerk-Pfad spielt unter sich rasch verĂ€ndernden Umweltbedingungen eine entscheidende Rolle fĂŒr die Einleitung und Kontrolle von Handlungen.

Bildquelle: Cartoonstocks.comNun ist allerdings die Art, wie hier ZusammenhĂ€nge konstruiert werden, bemerkenswert. Es wird gewissermaßen geschlußfolgert, daß die anorektischen Frauen geistig weniger flexibel seien als andere, und sich daher schwer tĂ€ten, ihre Verhaltensmuster den offensichtlichen Notwendigkeiten anzupassen.
Daß “bestimmte Netzwerk-Pfade” des Gehirns oder der Neurotransmitter-Haushalt bei psychisch leidenden Personen gegenĂŒber jenen von nicht einschlĂ€gig leidenden Menschen verĂ€ndert sind, ist im Grunde alles andere als ĂŒberraschend, denn natĂŒrlich mĂŒssen psychische VerĂ€nderungen irgendwo auch im Gehirn nachweisbar sein, nur AnhĂ€nger esoterischer ErklĂ€rungsmodelle wĂŒrden dies bestreiten. Jedoch zu behaupten, diese VerĂ€nderungen wĂŒrden das entsprechende Verhalten (womöglich sogar unausweichlich) verursachen, und wĂ€ren nicht vielleicht schlicht eine Folge ganz anderer – womöglich auch gar nicht so schlecht erforschter, jedoch halt nicht der Biochemie Nutzen bringender – ZusammenhĂ€nge, ist sehr gewagt, zumal wir heute wissen, daß psychische Erkrankungen ihrerseits hirnorganische VerĂ€nderungen bewirken können (NeuroplastizitĂ€t) und daher die Ursachensuche ein wenig der antiken Frage gleicht, ob zuerst die Henne oder das Ei gewesen sei.

Doch der wirkliche Clou liegt in den Schlußfolgerungen, die die Wissenschafter aus der Studie ableiten:

Die Ergebnisse der Studie tragen maßgeblich zu einem besseren VerstĂ€ndnis der Magersucht bei. Vor allem machen sie deutlich, dass neurobiologische Faktoren beteiligt sind und das Erkrankungsbild aufrechterhalten. Da sich psychische und neurobiologische Faktoren wechselseitig beeinflussen können, ergeben sich fĂŒr die Anorexie neue TherapieansĂ€tze.

“Wir haben ein Behandlungsprogramm fĂŒr Magersuchtpatientinnen entwickelt, das gezielt den flexiblen Wechsel von Verhaltensantworten trainiert“, so der Untersuchungsleiter. Die Wissenschaftler hoffen dadurch den Erfolg der psychotherapeutischen Behandlung verbessern zu können. Zur Erfolgskontrolle könnte die MRT- Untersuchung des Gehirns einen Beitrag leisten.

Es wird also eine Art revolutionĂ€rer Durchbruch fĂŒr die Behandlung der Anorexie postuliert. FĂŒr ein verhaltenstherapeutisches Konzept, das a) grob gesagt schlicht die geistige FlexibilitĂ€t ein wenig erhöhen soll und b) meint, damit eine Art bisheriger “unsichtbarer Mauer” fĂŒr den ultimativen Behandlungerfolg zu durchbrechen, erscheint dies aber doch als eine sehr gewagte Behauptung.


Daß neurobiologische Faktoren beteiligt sind – nun, da wĂ€re wohl eher das Gegenteil eine aufsehenerregende Neuigkeit gewesen! Daß die neurobiologischen Strukturen das Krankheitsbild aufrechterhalten, dafĂŒr liefert die Studie, liest man sie im Originaltext, keinerlei Hinweise – es handelt sich also um eine reine Hypothese, deren Beforschung wohl weitere Studien (und Studien-Fördermittel..) erfordern wĂŒrde. Und ob es besonders effizient ist, wenn Anorexie-Patientinnen fĂŒr einen derart hypothetischen Zuwachs an Behandlungserfolg regelmĂ€ĂŸig ein extrem kosten- und materialaufwĂ€ndiges MRT absolvieren mĂŒssen, darĂŒber kann sich wohl jeder selbst ein Urteil bilden…

Alles in allem ein weiterer bunter Mosaikstein in der farbenfrohen StudienfĂŒlle, den uns die heutzutage so gehypte Genetik und Neurobiologie beschert, welche bisher aber in Bezug auf reale TherapieansĂ€tze nur wenig Fundiertes zutage gefördert hat und wohl nicht ĂŒberraschend vermehrt in Kritik gerĂ€t.

(Quelle zur Studie: Am. J. Psychiatry 166, 608-616 (doi: 10.1176/appi.ajp.2008.08050775))

Jul 16

Eine neue Meta-Analyse der bisherigen Studien zu genetischen Verursachern der Depression zeigt auf, daß die modernen Theorien, nach denen zumindest einige Formen der Depression genetisch prĂ€disponiert wĂ€ren, vermutlich nicht haltbar sind.

Neil Risch vom Institut fĂŒr Humangenetik der University of California in San Francisco und KollegInnen untersuchten 14 der 26 öffentlich verfĂŒgbaren Studien, die zu A. Caspis Ansatz (welcher einen Zusammenhang zwischen einem Gen, das den Serotonintransport beeinflusst, den schweren Lebensereignissen und depressiven Erkrankungen postuliert, und im Veröffentlichungsjahr 2003 ein enormes Presseecho und zahlreiche Folgestudien zur Folge hatte) passten, umfassend untersucht. Das Studienergebnis:

Es gibt (..) keine Belege dafĂŒr, dass der Genotyp des Serotonintransporters allein oder im Zusammenwirken mit schlimmen Lebensereignissen mit einem höheren Risiko fĂŒr Depressionen verbunden ist. Das gilt fĂŒr MĂ€nner allein, fĂŒr Frauen allein und auch dann, wenn man beide Geschlechter zusammennimmt. Das einzige signifikante Ergebnis in den verschiedenen Studien war die starke Verbindung schlimmer Lebensereignisse mit dem Risiko fĂŒr Depressionen.

Dieses Ergebnis ist nicht nur fĂŒr die Erforschung genetischer EinflĂŒsse auf Depressionen, sondern auf psychische Erkrankungen generell ein herber RĂŒckschlag. Gerade mit Blick auf die zunehmende Verbreitung dieser Erkrankungen und vielversprechende Ergebnisse wie die von Caspi und Kollegen wird seit Jahren eine Vielzahl von ForschungsantrĂ€gen rund um genetische Verursachungsmodelle gestellt – und auch bewilligt. De facto steigen aber die Hinweise, daß nur die wenigsten psychischen Erkrankungen tatsĂ€chlich genetische Ursachen haben, viele davon vermutlich nicht einmal in Form von Faktoren, die einen Ausbruch einschlĂ€giger Störungen oder Erkrankungen erleichtern könnten. So wird wohl auch weiterhin Psychotherapie – in schweren FĂ€llen ergĂ€nzt durch Psychopharmaka – die State-of-the-Art-Behandlungsmethode bleiben.

“Risch und seine Kollegen verweisen in ihrem Artikel auf eine ganze Reihe anderer Projekte, in denen etwa die genischen EinflĂŒsse auf die Anzahl der Sexualpartner eines Menschen oder auf kriminelles Verhalten untersucht werden. Sie warnen explizit davor, die wissenschaftlichen Ergebnisse voreilig in klinische, rechtliche oder soziale Kontexte zu ĂŒbertragen. Aus ihrer Untersuchung wird deutlich, wie wichtig die Aufgabe in der Wissenschaft ist, die Ergebnisse anderer Forscher zu bestĂ€tigen – oder eben auch zu widerlegen. Gerade in pharmakologischer Forschung, bei der die Wirksamkeit von Medikamenten auf die Probe gestellt wird, werden negative Befunde oft aber gar nicht erst veröffentlicht und stehen dann auch fĂŒr Meta-Analysen nicht zur VerfĂŒgung.” (tp)

Quellen: tp,  Journal of the American Medical Association (06/2009)

22.03.20