Oct 19

59 Prozent aller Medikamente gegen psychische St√∂rungen werden in den USA von praktischen √Ąrzten – also nicht von Psychiatern – verschrieben. Nach einer k√ľrzlich im Fachjournal “Psychiatric Services” ver√∂ffentlichten Studie, im Zuge derer 472 Millionen Rezepte, die in den USA zwischen August 2006 und Juli 2007 ausgestellt worden waren, untersucht wurden, verschrieben praktische √Ąrzte den Hauptteil aller Medikamente: 62 Prozent aller Antidepressiva und 52 Prozent aller Stimulanzien (welche haupts√§chlich bei ADHS verschrieben werden). Zur Behandlung von Psychosen wurden 37 Prozent verschrieben, 22 Prozent gegen Zw√§nge und Wahnvorstellungen.

Mindestens 27 Millionen Amerikaner nehmen Antidepressiva ein, und einige Millionen (die genaue Zahl ist unbekannt) Medikamente gegen ADHS. Die Hauptsorge der Wissenschafter ist, ob die Patienten bei Allgemeinmedizinern damit auch eine adäquate Behandlung bekommen. Die chemischen Substanzen der Medikamente beeinflussen das Gehirn und können erhebliche Nebenwirkungen haben, andererseits kann eine nicht-behandelte Depression suizid-gefährdend sein.

(Quelle: Reuters, 10/2009)

Dec 10

Zumindest in den USA werden Kindern immer mehr Medikamente verschrieben: die h√§ufigsten Gr√ľnde daf√ľr seien Asthma, Diabetes und ADS/ADHS, wie eine Studie der St. Louis-University, welche in der November-Ausgabe der Zeitschrift Pediatrics ver√∂ffentlicht wurde, herausfand. Dieses in Teilbereichen regelrecht dramatische Anwachsen einschl√§giger Verscheibungen f√ľhren die Studien-Autoren auf die starke Zunahme von Adipositas in den USA zur√ľck – bei Adipositas besteht, wie zahlreiche Studien zeigen, offensichtlich ein starker Zusammenhang mit¬† Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, Depression und Asthma.

Ob diese Schlu√üfolgerung allerdings als alleinige Erkl√§rung gerechtfertigt ist? √úber die Zunahme von Adipositas in so gut wie allen Industriel√§ndern (u.a. aufgrund ver√§nderter Ern√§hrungsgewohnheiten, anderer Zusammensetzung der Grundnahrungsmittel und auch verschiedenster psychischer Ursachen) besteht ja grunds√§tzlich kein Zweifel, eine Verdopplung der Einnahme spezifischer Arzneimittel innerhalb von nur 4 (!) Jahren allerdings (so geschehen mit 2 Medikamenten zur Behandlung von Typ2-Diabetes) steht trotz einer angeblichen Zunahme der Diagnose von 166% (M√§dchen von 10-14 J.) bzw. 135% (M√§dchen von 15-19 J.) in keiner Relation. Immerhin f√ľhren die Studienautoren an, da√ü auch die reine Verschreibung etwa spezifischer Medikamente gegen Asthma um 46,5%, und jene gegen ADHD um 40% zugenommen h√§tte. Der Verdacht liegt nahe, da√ü einfach nur rascher zu Medikamentenverschreibungen gegriffen wird, statt auf nachhaltige (wenn auch anstrengendere) Therapieformen wie Di√§ten, Bewegung oder Psychotherapie zu setzen. Tats√§chlich beobachtet Dr. Artman, Leiter der p√§diatrischen Abteilung der Universit√§t Iowa, einen Trend, da√ü privat versicherte PatientInnen h√§ufig die bessere und nachhaltigere Versorgung erhalten, KassenpatientInnen oder Unversicherte aber bevorzugt Medikamente verschrieben erhalten. Einen Faktor, den er nicht erw√§hnt, sind die gro√üz√ľgigen Ausgaben der Pharmaindustrie, um ihre Produkte an die PatientInnen zu bringen, wozu¬† √Ąrzte mit immateriellen ebenso wie materiellen Zuwendungen von diesen gerne ermuntert werden.

Update 25.01.2009: in √Ėsterreich geht der Trend in dieselbe Richtung. In einem Interview mit der Tageszeitung ‘Der Standard’ v. 21.1.09 sagte Erich Laminger (seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der Sozialversicherungstr√§ger): “Erschreckend ist besonders der Anstieg bei den Psychopharmaka. √úber alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der F√ľnf- bis Neunj√§hrigen und der Zehn- bis 14-J√§hrigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. (..) Da muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los?”

Quelle: US National Library Of Medicine, 11/2008
Link-Tipp: Das Pharma-Kartell (ZDF-Dokumentation 12/2008)
Buch-Tipp: Hans Weiss, “Korrupte Medizin“, 2008
Lesetipps zum Thema “Essst√∂rungen”

Nov 04

Trotz des gro√üen Spektrums antisozialen Verhaltens wollen nun britische Wissenschaftler der University of Cambridge herausgefunden haben, was in m√§nnlichen Jugendlichen f√ľr antisoziales Verhalten mitverantwortlich sein soll. So sollen die K√∂rper von Jugendlichen, die “schwerwiegendes antisoziales Verhalten” gezeigt haben, unter Stress weniger Kortisol aussch√ľtten als Jugendliche, die nicht wegen antisozialen Verhaltens aufgefallen sind. Die Kortisolwerte steigen normalerweise unter Stress, so die Wissenschaftler, und lassen die Menschen vorsichtiger werden, w√§hrend sie gleichzeitig ihre Emotionen, also auch die Aggressivit√§t, besser steuern k√∂nnen. Wenn es eine Verbindung zwischen Kortisolwerten und antisozialem Verhalten gebe, dann m√ľsste man dieses als Ausdruck einer mit physiologischen Symptomen verbundenen Geisteskrankheit betrachten, sagen sie. Danach h√§tte es wenig Sinn, die Jugendlichen mit [Erziehungsma√ünahmen] zu disziplinieren, man m√ľsste sie vielmehr medizinisch behandeln. Manche Menschen w√ľrden also leichter “antisozial”, ebenso wie andere zur Depression oder Angst neigen (allerdings ist hier auch umstritten, ob tats√§chlich die Beeinflussung der vermeintlichen physiologischen Symptome durch Medikamente der therapeutische K√∂nigsweg ist).

Die Wissenschaftler meinen jedenfalls, man k√∂nne “neue Behandlungsweisen f√ľr schwere Verhaltensprobleme” entwickeln, wenn man genau herausgefunden hat, warum manche Jugendlichen keine normale Stressreaktion zeigen. Das liefe dann wahrscheinlich darauf hinaus, auff√§llige Kinder und Jugendliche medikament√∂s zu behandeln, um so “das Leben der betroffenen Jugendlichen und das der Gemeinschaft, in der sie leben, zu verbessern”. Zudem k√∂nne sich der Staat vielleicht Milliarden sparen ‚Äď und, so k√∂nnte man hinzuf√ľgen, √§ndern m√ľssten sich auch die Gesellschaft und die Bedingungen nicht, unter denen die Kinder und Jugendlichen aufwachsen.

(Quellen: telepolis, University of Cambridge)

Kommentar R.L.Fellner:

Die Frage, wie man m√∂glichst fr√ľh und effektiv die Entwicklung von “antisozialem Verhalten” unterbinden kann, besch√§ftigt englische Wissenschafter schon seit Jahren. Pikanterweise werden zu diesem Verhalten aber nicht nur Kriminaltaten gez√§hlt, sondern auch verh√§ltnism√§√üig harmlose Handlungen wie etwa Graffitis, Ruhest√∂rung, das Trinken in der √Ėffentlichkeit, M√ľll-hinterlassen, P√∂beln oder der Mi√übrauch von Feuerwerken. Auch allgemein “l√§stiges Betragen” z√§hlt das Innenministerium dazu (Liste).

Aus humanistischer Sicht ist diese Entwicklung nicht nur besorgniserregend, sondern auch in h√∂chstem Ma√üe fragw√ľrdig: wer verfolgt das Interesse an “behandelbarem L√§stigsein”, wer definiert hier die Grenzziehung zu “sozial erw√ľnschtem” Verhalten und wie darf man sich dieses vorstellen? Erh√§lt zuk√ľnftig jedes “ruhest√∂rende”, “M√ľll hinterlassende” Kind seine t√§gliche Anpassungs-Pille und seinen ersten Eintrag in den Datenbanken der Krankenkassen?
Die Jugend ist entwicklungspsychologisch eine Phase der Auflehnung und Unangepasstheit – seit den Anf√§ngen der Menschheit. Konsequenter, aber in gewissem Rahmen nachsichtiger Umgang mit dem Verhalten Jugendlicher und ein multiprofessioneller Ansatz haben sich bei massiver oder dauerhafter Verhaltensauf√§lligkeit bisher gut bew√§hrt – die Ausweitung der pathologischen Grenze, wie sie englische Modell vornimmt, ist deshalb klar abzulehnen. Ein noch weitaus flaueres Magengef√ľhl w√ľrde mir als Engl√§nder allerdings der offensichtlich gesellschaftspolitisch inspirierte Trend verursachen, Widerstand, Auflehnung oder fehlende Sozialkompetenz als behandlungsbed√ľrftige Krankheit zu redefinieren und damit entsprechende Angebote der Pharmaindustrie zu provozieren, statt das entsprechende Geld in die Bek√§mpfung der “anderen” -und wohl viel relevanteren- Ursachen zu stecken: die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen dieser Jugendlichen, ein besseres Sozialsystem und vor allem Visionen, die ihr kreatives Potenzial und ihre Ressourcen anregen.

06.01.16